„Läge mir Humor fern, könnte ich mir keine Nachrichten mehr anschauen“
Wen Liu im Gespräch über ihren Werdegang und die von ihr und Studio M.A.R.S. entwickelte Produktion YUM!, die am 20. August bei den Bregenzer Festspielen ihre Uraufführung feiert.
Schon der Titel YUM! verspricht einigen Genuss, die bisher zu sehenden Bilder von erlesenen Speisen lassen den Schluss zu, dass er optisch auf jeden Fall geboten wird, auch wenn der Schein trügen kann. Die Komponistin Wen Liu erzählt von der Entstehungsgeschichte einer Musiktheaterproduktion in technologiebasierter Darbietungsform bei den Bregenzer Festspielen.
Eine wichtige Information vorweg: Das Publikum der Ur- und Folgeaufführung von YUM! am 20. und 22. August auf der Werkstattbühne im Bregenzer Festspielareal wird weder ein iPad, noch ein iPhone zu verwenden haben, es wird weder eine App downloaden, noch einen QR-Code scannen müssen. Es kann trotzdem sogar etwas mehr sehen als jene wenigen Auserwählten, die neben den eigentlichen, mit einigem technischen Equipment ausgestatteten Akteuren an der exquisit gestalteten Tafel auf der Bühne Platz nehmen. Die Technologie macht es möglich, in erster Linie aber das Konzept, das Wen Liu neben der Komposition und der Texterstellung auch selbst entworfen hat.
„Zuerst kommt das Handwerk, dann kann man daraus etwas entwickeln“, sagt sie. Handwerk bedingt Leistungsbereitschaft. Hochmotiviert und mit dem Wunsch, Profimusikerin zu werden, kam Wen Liu bereits als Jugendliche von Shanghai nach Österreich, um in Wien und Graz zu studieren. „Dass ich bald erkannt habe, dass aus mir doch keine Konzertpianistin werden wird und dass einer meiner Professoren meine Vorliebe für Neue Musik bemerkt hat, erfüllt mich heute mit Dankbarkeit.“ Zu den Professorinnen und Professoren, bei denen sie sich die Grundkenntnisse für das Komponieren erworben hat, zählt übrigens auch der renommierte, in Vorarlberg bestens bekannte Komponist Georg Friedrich Haas, dessen bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführte Oper Nacht einen Markstein in seinem Werdegang bildet. „Die Basis ist sehr wichtig. Ich schreibe sicher auch nicht wie Clemens Gadenstätter, aber er war für mich als Professor so etwas wie ein Mentor.“ Ihre Meisterkurse belegen eine Aus- und Weiterbildung sowohl im Bereich der Klassik und der Neuen Musik als auch im Bereich der Elektronik. „Ich bin auch offen für Popularmusik. An der Uni in Wien war Popularmusik so etwas wie eine Red Flag, hätte man die Hinwendung dazu in seinem Werk bekundet, wäre man gefragt worden, ob man krank ist. Als ich vor Jahren den Ö1-Talentebörse-Preis gewonnen habe, wäre das unmöglich gewesen, jetzt war ich selbst eine der Jurorinnen bei diesem Wettbewerb und sehr glücklich darüber, wie offen die jungen Leute arbeiten.“
Wen Liu ist einverstanden damit, dass ihr ein starkes Klangbewusstsein und ein besonderes Gespür für die Mikrostruktur der Klänge attestiert wird. Aufgrund ihrer Muttersprache seien Glissandi für sie etwas Leichtes, für ihre Sängerinnen und Sänger mitunter aber herausfordernd. Ihr Stück hat sie für vier Gesangssolisten und ein Streichquartett komponiert, außerdem kommt Elektronik zum Einsatz. Die Sopranistinnen Johanna Rusanen und Emmi Kauppinen, der Tenor Adrian Autard und der Bariton Henry Neill sowie das Ensemble Studio Dan treten in YUM! auf. Mit einem Streichquartett ist das Werk deshalb besetzt, weil ihr die Assoziation zum Streichquartett auf der Titanic im Hinblick auf den Inhalt ihres Stücks gefiel und weil ein Quartett oft für eine Gala engagiert wird. „Natürlich ist mir klar, dass YUM! keine Gala ist, sondern Musiktheater. Mein Team hat mir jüngst bei einer Probe versichert, dass die Stellen mit den Streichern, Sängerinnen und Sängern sehr gut funktionieren.“ Wie sich im Gespräch herausstellt, ist es aber nicht zielführend, aus ihrem Werk YUM! gleich einen persönlichen Musikstil ableiten zu wollen. Wen Liu: „Es ist alles over the top.“
Das Konzept von YUM! wurde im Jahr 2025 im Rahmen des Wettbewerbs von FEDORA, der namhaften Vereinigung zur Förderung der Zukunft von Oper und Tanz in Europa, mit dem Preis in der Kategorie Digital ausgezeichnet. „Das Projekt beschreitet neue Wege im Musiktheater und bricht die Grenzen zwischen Bühne und digitalem Raum auf“, heißt es in der Jurybegründung. Das brachte dem Wiener „Studio M.A.R.S“ (Music Art Research Science) einen weiteren Bekanntheitsschub. Dieses Studio, mit dem sie die nächsten Projekte bereits in Planung hat, ist als Kollektiv und nicht hierarchisch konzipiert, betont sie eigens. Die Gründung ist vor einigen Jahren erfolgt, die Covid-Pandemie hatte die öffentliche Präsenz etwas verzögert, mit der interaktiv konzipierten Mixed-Reality-Oper Speculum Maius erfolgte dann im Jahr 2022 in Bonn ein markanter Auftritt.
Den Handlungsrahmen von YUM! bildet ein opulentes Dinner mit Luxusspeisen, zu dem eine Madame D. einen kleinen Kreis auserwählter Personen lädt, die keinesfalls darauf erpicht sind, zur Kenntnis zu nehmen, dass das Leben auf der Erde bereits stark von Klimakatastrophen und Nahrungsmittelknappheit beeinträchtigt ist. Ihre schöne neue Realität ist konstruiert, auch der Kaviar und die Austern sind Fake. „Ich lege aber offen, dass alles Fake ist“, betont Wen Liu. „Wir nutzen die Technologie nicht, weil sie cool oder trendig ist, sie ist ein Teil der Geschichte. Unser Stück hat nichts damit zu tun, dass man klassische Opern mittlerweile auch mit KI-generierten Bildern inszeniert, ich benutze die KI zum Thematisieren eines Fakes.“
Die Personen in YUM! sind selbstverliebt, erfolgsverwöhnt oder ziemliche Social-Media-Junkies. Die Satire und ein schwarzer Humor sind für sie wesentlich. Der Humor, den sie meint, sei jener, der auch überlebenswichtig ist. „Läge mir Humor fern, könnte ich mir keine Nachrichten mehr anschauen.“ Wen Liu will nicht den Zeigefinger erheben und macht auch keine Schuldzuweisungen, weil sie uns ohnehin nicht weiterbrächten, sie betont aber: „Ich gehöre nicht der Generation Z. an, aber man soll doch nicht so tun, als hätten die Mechanismen, derer sich Pop-Stars bedienen, als hätte die digitale Welt oder als hätten die Social-Media-Influencer keinen konkreten Einfluss auf unseren Lebensstil.“ Um den Themenkomplex rund um die sozialen Medien zu verdeutlichen, erklärt sie, dass man sich ihnen auch in ihrer Branche als Künstlerin nicht entziehen kann. „In Österreich ist es noch nicht ganz so schlimm, aber auch in europäischen Ländern schaut man mittlerweile genau auf deine Accounts und darauf, wie viele Follower du hast, bevor du als Künstlerin oder Künstler einen Auftrag bekommst.“
Bei allem Grotesken und dem Beklemmenden, war sie darauf erpicht, ihre Figuren in YUM! so komplex wie möglich anzulegen. „Da gibt es beispielsweise einen schrecklichen Narzissten, aber ich zeichne ihn so, dass das Publikum die Möglichkeit hat, auch Sympathie für ihn zu entwickeln. Ich habe mit den Figuren in diesem Stück zwei Jahre lang gelebt, natürlich mag ich sie dann auch.“ Dass ihre Art von Witz auch eine Gratwanderung bedeuten kann, ist ihr klar. „Schauen wir uns doch unsere Situation an, wenn da irgendein Celebrity meint, er müsse uns betont bedeutungsschwer noch ‚take care of the environment‘ zurufen, dann ist das doch eigentlich Bullshit, da mache ich mir als Künstlerin dann eben einen Spaß daraus.“
Wen Liu verfolgt das Programm der Bregenzer Festspiele mit den großen klassischen Opern und den neuen Werken bereits seit Längerem. Sie hat sich unter anderem die vor einigen Jahren hier uraufgeführte experimentelle Musiktheaterproduktion Melencolia von Brigitta Muntendorf angesehen und wünscht sich diese Öffnung hin zum Musikschaffen der Gegenwart von vielen Opernhäusern. Wenn man etwa nach Finnland oder nach Holland schaue, sehe man, dass diesbezüglich einiges passiert in Europa, „aber ich bemerke ja auch selbst das Feedback des Publikums und vernehme Interesse – da geht somit schon noch mehr.“
Die Uraufführung von YUM! findet am 20. August um 20 Uhr auf der Werkstattbühne statt.
Weitere Vorstellung am 22. August, ebenfalls um 20 Uhr.
Mehr Infos zu YUM! finden Sie hier: YUM!