„Es ist wirklich wie ein Traum“
Wie ist es eigentlich, als Statist:in bei den Bregenzer Festspielen dabei zu sein und vor fast 7.000 Menschen auf der Seebühne zu stehen? Ruta Buzikaite, Statistin bei La traviata, erzählt von der Atmosphäre bei den Proben, dem Ablauf hinter der Bühne – und von der Vorfreude, die sie jeden Abend bei Vorstellungsbeginn empfindet.
Wenn Ruta Buzikaite von ihrem Sommer bei den Bregenzer Festspielen erzählt, klingt in jedem Satz Freude mit. Vor wenigen Monaten kam sie noch zum Casting ins Festspielhaus, neugierig und ohne große Erwartungen. Heute gehört sie zur Statisterie von La traviata auf der Seebühne – jener großen Opernproduktion, die Abend für Abend vor Tausenden Zuschauerinnen und Zuschauern spielt.
Zum ersten Mal treffe ich Ruta Buzikaite am 2. Juli, nur anderthalb Wochen, nachdem die Proben zu La traviata begonnen haben. „Das ist mein erstes Mal als Statistin auf der Seebühne“, sagt Buzikaite, die in Dornbirn lebt. „Ganz spontan“ habe sie sich beworben, nachdem sie einen Aufruf gesehen hatte. Der Grund war einfach: „Ich bin eine große Opernliebhaberin und schaue mir auch die Produktionen auf der Seebühne jeden Sommer mehrmals an.“ Schon lange habe sie wissen wollen, was passiert, bevor der Applaus auf der Bühne ankommt: „Ich habe applaudiert – den Solisten, dem Chor und allen, die auf der Bühne stehen. Aber was dahintersteckt, wie viele Leute beteiligt sind, wie das alles funktioniert: Das hat mich immer fasziniert.“ Im Alltag arbeitet Buzikaite als Leitung der Pflege. Künstlerisch sei ihr Berufsleben sonst nicht – die Oper dagegen sei für sie Ausgleich, Freude und ein Stück Selbstverwirklichung.
Garderoben wie für richtige Stars
Die Proben, die täglich außer sonntags und montags stattfinden, beginnen für die Statistinnen und Statisten mit der Anmeldung und dem Gang über den Steg zur Seebühne, wo sich auch die Garderoben befinden. „Wir haben wie richtige Stars ein Umkleidezimmer mit Spiegel und allem, was dazugehört“, erzählt Buzikaite lachend. Auf der Bühne selbst werde jeder Schritt erklärt: wo man steht, wann man hinausgeht, was zu tun ist. „Bis in die Einzelheiten, bis zu jedem Schritt – da kann nichts schieflaufen.“
Gerade weil viele aus der Statisterie keine Profis seien, nehme diese Genauigkeit Druck. „Am Anfang spürt man natürlich diese Spannung: Was passiert jetzt? Nicht, dass ich etwas falsch mache.“ Doch die Atmosphäre im Team sei gelöst und herzlich: „Es ist insgesamt sehr entspannt, und dadurch macht es auch wirklich viel Spaß.“ Auch Wartezeiten gehörten zu den Proben. „Aber auch diese Pausen sind eigentlich schön, weil wir einander kennenlernen. Hier kommen so viele verschiedene Menschen zusammen – das macht es wirklich interessant.“
Besonders beeindruckt ist Buzikaite von der Arbeit hinter den Kulissen. „Angefangen von drei liebevollen Damen, die jeden Tag super für uns kochen und auch Kuchen mitbringen, bis zu den Technikern: Alle sind so freundlich und herzlich.“ Und egal welche Frage man habe: „Man kriegt immer eine nette Antwort.“
„Man fühlt sich auch mit einer kleinen Rolle wichtig“
Auf der Bühne zu stehen, sei für Buzikaite ein besonderes Gefühl. „Man fühlt sich schon wichtig“, sagt sie. „Auch wenn es nur eine kleine Rolle ist, ist sie doch bedeutsam für das Gesamtwerk.“ Auch für ihr Alltagsleben schenkt ihr diese Erfahrung noch etwas mehr Selbstbewusstsein. Für sie, die Musik liebt und selbst Orchestererfahrung hat, ist die Nähe zur Oper etwas Besonderes: „Ich lebe mich hier jetzt so richtig aus und bin nach wie vor fasziniert davon, Teil dieser Opernproduktion zu sein.“
Den Regisseur Damiano Michieletto beobachtet sie mit Faszination. Er habe eine Vision, sagt Buzikaite, aber vieles entstehe dennoch erst in der konkreten Arbeit auf der Bühne. „Manchmal kommt es mir vor wie bei Marionetten: Er zieht Fäden und verteilt uns auf der Bühne.“ Dabei gehe es manchmal nur um Meter oder Millimeter. „Es ist ein bisschen verrückt, aber ich bewundere seine Kreativität und seinen klaren Blick aufs Gesamtbild.“
Vorfreude statt Lampenfieber
Für mein zweites Treffen mit Ruta Buzikaite einige Wochen später haben wir uns zum Sonnenuntergang auf der Seebühne verabredet. Sie begrüßt mich in ihrem türkisblau schillernden Kostüm, mit dramatischem Make-up und einem fabelhaften Flamingo-Kopfputz. Es ist der 11. August – in wenigen Stunden wird die 17. Aufführung von La traviata über die Bühne gehen. Aus Ruta Buzikaite ist mittlerweile ein echter Bühnenprofi geworden. Nicht einmal bei der Premiere habe sie Lampenfieber empfunden, verrät sie lachend. „Ich habe gesagt: Vielleicht kommt es noch zur Premiere. Kam es aber nicht.“ Stattdessen sei da „noch mehr Freude, noch mehr Fröhlichkeit“ gewesen. Und dann der Moment, in dem sie die Seebühne betritt: „Wenn du rausgehst und diese Masse von Menschen siehst, diese fast 7.000 Zuschauer, die Lichter, die Bühne, die Musik – das ist so etwas Besonderes, eine ganz andere Welt!“
Seither erlebe sie dieses Gefühl der Freude jeden Abend erneut. Sobald die ersten Töne erklingen, sei sie ganz in ihrer Rolle: „Mit den ersten Klängen der Musik, die ich hinter den Kulissen höre, bin ich voll dabei.“ Dann wird aus Ruta Buzikaite das Party-Girl, der türkisblaue Flamingo, Teil der großen Seebühnenwelt. „Ich habe sehr viel Spaß an meiner Statistenrolle.“
Wind, Wasser und ein Flamingo auf dem Kopf
Die Rolle bringt nicht nur Glamour, sondern auch handfeste Herausforderungen mit sich. Buzikaite steht viel im Wasser. An heißen Tagen sei das ein Geschenk. „Es gibt Tage, wo ich mich riesig auf die Poolparty freue“, sagt sie.
Schwieriger wird es bei Wind. „Mein Flamingo hat schon Gewicht und eine gewisse Größe“, erzählt sie über ihren Kopfschmuck. „Wenn es windig ist, ist es manchmal herausfordernd, dass er nicht vom Kopf wegfliegt.“ Deshalb müsse alles besonders gut befestigt werden. Auch Regen und Kälte seien ein Thema. „Wenn es regnet oder feucht ist, wird es schon etwas kühl.“ Trotzdem nimmt sie es gelassen: „Das gehört dazu.“
Zwischen den Szenen bleibt sie im teilweise nassen Kostüm, auch wenn sie sich natürlich abtrocknen oder einzelne Teile wie Strumpfhosen wechseln kann. Auch darin liegt für sie inzwischen Routine. Und in diesem Sommer darf sie vor Beginn der Vorstellung sogar recht häufig einen besonderen Moment genießen: „Ich bin um sieben die Erste bei der Maskenbildnerin im Stuhl. Gegen halb acht ist sie fertig, und bis zum Vorstellungsbeginn um neun darf ich als Flamingo auf dem See den Sonnenuntergang erleben. Der Ausblick von der Hinterbühne aus ist phänomenal.“
„Wir sind wie eine Familie“
Aus den vielen Beteiligten ist für Buzikaite längst ein Team geworden. „Das Team ist wirklich sehr eng zusammengewachsen“, sagt sie. Es gebe interne Veranstaltungen, Teambildung, viele gemeinsame Momente. „Man spürt den Spirit hinter der Bühne – diese Familie.“ Selbst der freie Montag habe eine eigene Dynamik: „Da freut man sich schon auf Dienstag und vermisst die anderen ein bisschen.“
Wehmut kam bei ihr früh auf. „Eine Kollegin hat mich schon geschimpft, weil ich die Wehmütigkeit schon bei der Premiere hatte“, erzählt sie. „Ach, die Proben sind zu Ende, jetzt geht es so schnell, dachte ich mir da.“ Mittlerweile zählt sie mit, wie viele Vorstellungen noch bleiben. „Ich genieße das immer bewusster.“
Ein Sommer, der bleibt
Auch die Premierenfeier ist Buzikaite in Erinnerung geblieben: „So viele lustige, fröhliche Menschen an einem Ort – und alle feiern diese Arbeit, die man geschaffen hat.“ Von ihren Erlebnissen und Erfahrungen hinter der Bühne, in der Maske und auf der Bühne nimmt sie vieles mit. „Die Maskenbildner:innen schaffen hier täglich wahre Kunstwerke“, meint sie. Tatsächlich hat sie sich ein paar Tipps für Frisuren und Kosmetikprodukte abgeschaut.
Vor allem aber habe sich ihr Traum erfüllt. „Zu tausend Prozent“, sagt sie. „Das zu erleben, wie die Oper auf der Seebühne entsteht – vom ersten Augenblick bis zum Schluss, ist unglaublich faszinierend. Ich kann manchmal immer noch kaum fassen, dass ich dabei bin und das alles erlebe. Dieser Sommer war für mich ein ganz besonderer Sommer in meinem Leben.“
Ob sie nächstes Jahr wieder dabei sein möchte? Buzikaite muss nicht lange überlegen. „Ja“, sagt sie voll Überzeugung. „Ich habe so einen riesengroßen Spaß, dass ich gern auch nächstes Jahr dabei sein möchte.“ Und dann fügt sie hinzu, beinahe ungläubig über das, was sie erlebt: „Solisten, die ich als Zuschauerin bewundert habe – und plötzlich bin ich nebendran. Manchmal denke ich wirklich: Das ist echt wie ein Traum.“
(kb)