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„Gemeinsames Singen ist eine Form der Befreiung“

Wenn Tausende Stimmen gemeinsam erklingen, entsteht eine einzigartige Atmosphäre: Chorleiter Steven Moore über den Singalong am See und die Kraft des gemeinsamen Singens.

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© Bregenzer Festspiele / Anja Koehler

6000 Stimmen singen im August gemeinsam bei den Bregenzer Festspielen. Dirigent Steven Moore spricht über den Singalong am See. Das Jubiläumsprojekt bündelt Stimmen und belohnt Mut. Eine Probe Anfang Mai ließ bereits erahnen, welche Kraft so viele Stimmen haben.

Sie sehen als Dirigent einem gewaltigem Projekt entgegen, dem Singalong am See – freuen Sie sich auf unser gemeinsames Singen?

Steven Moore: Ich freue mich sehr darauf. Ich finde, es ist eine unglaublich spannende und ein bisschen verrückte Idee!

Am 9. Mai haben Sie bereits eine erste Probe, für rund 1.300 Sänger:innen, im Großen Saal des Festspielhauses geleitet. Wie haben Sie diese Probe erlebt und was war Ihnen dabei besonders wichtig?

Die Probe war der Hammer! Erstens hat es unglaublich viel Spaß gemacht! Es wurde viel gelacht, gesungen und mit großer Freude musiziert. Zweitens waren die Sänger:innen äußerst neugierig und motiviert, Neues zu erfahren und verschiedene Dinge auszuprobieren. Man kann wohl sagen, dass es für uns alle das erste Mal war, mit einer so großen Gruppe zu singen (oder in meinem Fall zu dirigieren). Es war ein großer Erfolg und es fühlte sich ein bisschen wie ein „Rockkonzert“ an. Dadurch habe ich einen guten Einblick gewonnen, was bei der Arbeit mit einer so großen Gruppe funktioniert und was nicht – was unglaublich wichtig sein wird, wenn sich am 1. August der gesamte Chor versammelt.

Mit dem Singalong sprechen wir alle an, die gerne singen – Chöre ebenso wie Einzelpersonen. Sie haben viel Erfahrung in der Arbeit mit Laienchören. Was macht diese Arbeit für Sie so besonders?

Es gibt mehrere Gründe, warum ich so gerne mit Nicht-Profis zusammenarbeite. Diese Menschen werden nicht fürs Singen bezahlt – sie engagieren sich aus eigenem Antrieb und schenken ihre Zeit etwas, das ihnen Freude bereitet und überraschen sich oft selbst damit, was sie erreichen können. Es ist unsere Aufgabe als Profimusiker:innen, alle jene miteinzubeziehen, die unsere Leidenschaft für Musik teilen.

Genau darum geht es auch beim Singalong: Wir möchten einen Rahmen schaffen, in dem sich alle wohlfühlen und einbringen können. Aus vielen einzelnen Stimmen entsteht ein großer gemeinsamer Klang. Wir geben Orientierung: „Fangt hier an – es ist gar nicht schwer! Wenn ihr euch sicher fühlt, könnt ihr einen Schritt weiter gehen. Und seid nicht enttäuscht, wenn nicht alles sofort gelingt.“

Manche Menschen gehen zwar gern in die Oper, würden sich aber selbst nie trauen mitzusingen. Was würden Sie diesen Menschen raten?

Ich würde sagen: Solange man es nicht ausprobiert, kann man gar nicht wissen, wie es sich anfühlt … (lacht). Natürlich braucht es eine gewisse Portion Mut, um Neues zu wagen. Eine der psychologischen Herausforderungen beim Singen ist, dass die eigene Stimme so eng mit der eigenen Person verbunden ist. Eine Geige oder ein Klavier ist etwas Äußeres. Die Stimme hingegen ist der eigene Körper. Sie ist mit der Persönlichkeit, der Seele und dem Gehirn verbunden. Doch was man dabei gewinnt, ist ungemein intensiv und bereichernd.

Wir werden bekannte Chorpartien aus populären Opern singen – ein Streifzug durch 80 Jahre Festspielgeschichte. Wie relevant ist Oper aus Ihrer Sicht heute?

Für mich ist sie absolut relevant. Sie verbindet Wort, Musik und Schauspiel seit rund 400 Jahren wie keine andere Kunstform. Ich liebe es, wenn die Stimme Geschichten erzählt. Ich bin überzeugt, dass die Oper in der heutigen Welt eine echte Kraft entfalten kann.

Glauben Sie, dass das Mitsingen diese Kraft noch intensiver erfahrbar macht?

Ich denke ja. Im Chor einer Oper kann man sich oft leichter wiederfinden als in den Hauptrollen. Selbst Teil dieses Klangs zu sein, gemeinsam zu singen, zuzuhören und zu atmen. Es entsteht ein starkes Gefühl der Verbundenheit. Es ist eine Form der Befreiung.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie an den Singalong-Chor denken, bei dem tausende von Menschen gemeinsam unter freiem Himmel Oper singen? Gerade, wenn Sie bereits eine erste Idee davon haben, nach der Probe im Mai.

Allein der Gedanke daran bereitet mir Gänsehaut. Es ist unglaublich aufregend, aber auch ein wenig einschüchternd, als Dirigent all das zusammenzuführen. Aber wir werden das schaffen. Nachdem ich im Mai bereits einen ganzen Tag lang mit einem voll besetzten Festspielhaus voller Sänger:innen gearbeitet habe, bin ich mehr denn je davon überzeugt, welch großartige Idee dieses Projekt ist. Zugleich freue ich mich sehr auf die bevorstehende Aufgabe: Meine Rolle als Dirigent, aber auch als Botschafter und Begleiter für die Teilnehmenden nehme ich sehr ernst. Ich hoffe, dass es mir gelingt, etwas zu schaffen, das für alle Beteiligten ein voller Erfolg und ein unvergessliches Erlebnis wird. Ein Projekt, das zum ersten Mal stattfindet, ist immer eine unbekannte Größe, und wenn alles gut läuft, hoffe ich, dass es wegweisend für die kommenden Jahre sein wird.

Gibt es noch letzte Tipps oder Worte für den bevorstehenden Singalong?

Vergesst nicht, eure Parts zu üben, wenn ihr die Gelegenheit dazu habt, und achtet dabei auf das Tempo, indem ihr den Fluss der Musik aufrechterhaltet und für eine gute Form sorgt. Vergesst nicht eure Checkliste für den Tag (Noten, Wasser, Hut, usw.).

Aber das Wichtigste ist unser Singalong-Chor-Motto: „HAU REIN!“

Ich kann es kaum erwarten, unseren großartigen Chor schon bald in Aktion zu sehen.

(ar/jf)

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