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„Es ist, als würde man einen Marathon durchsprinten“

Zwischen Wasser und Verdi: "Violetta" Marjukka Tepponen und "Germont" Kostas Smoriginas erzählen, warum die Seebühne selbst für erfahrene Opernkünstler:innen eine Ausnahmesituation ist.

Collage Tepponen Smoriginas C Anja Koehler
© Bregenzer Festspiele / Anja Koehler

Marjukka Tepponen und Kostas Smoriginas sprechen über ihre Rollen als Violetta Valéry und Giorgio Germont in La traviata auf der Seebühne sowie über frühere Engagements bei den Bregenzer Festspielen, über ihren Werdegang und ihre Vorhaben.

Wäre da nicht die Intervention von Giorgio Germont gewesen, dem strengen, auf gesellschaftliche Konventionen beharrenden Vater von Alfredo Germont, dann hätte Violetta Valéry die gemeinsame Zeit mit ihrem Geliebten Alfredo trotz ihrer Krankheit zumindest noch etwas länger genießen können. Doch eine der berühmtesten Opern des gesamten Genres, nämlich La traviata von Giuseppe Verdi, verläuft anders und endet dann so tragisch wie der Roman Die Kameliendame von Alexandre Dumas d. J., dessen Handlung den Komponisten inspirierte. La traviata, 1853 in Venedig uraufgeführt, wird heuer erstmals auf der Bregenzer Seebühne umgesetzt. Die renommierte finnische Sopranistin Marjukka Tepponen singt die Partie der Violetta Valéry, Giorgio Germont, sozusagen ihr Gegenspieler, ist der ebenfalls international erfolgreiche, aus Litauen stammende Bassbariton Kostas Smoriginas. Auf der Bühne ist ihr Verhältnis zueinander somit schwierig, beim gemeinsamen Gespräch steht sofort fest, dass sie einander bestens verstehen und als Künstlerin und Künstler sehr schätzen.

Beide waren bereits bei den Bregenzer Festspielen engagiert. Der erste Eindruck vom Seebühnenbild, das für La traviata aus einem 700 Quadratmeter großen, zerberstenden und scheinbar gerade in den See stürzenden Spiegel besteht, sei aber immer wieder überwältigend. „Das ist so gewaltig, dass es einem im ersten Moment schlicht den Atem raubt“, erklärt Marjukka Tepponen: „Es ist etwas Einzigartiges, anders als im geschlossenen Theater gibt es keinen Szenenwechsel im klassischen Sinn, die gesamte Geschichte muss in diesem Setting erzählt werden können. Ich erachte es als sehr clever wie viel Symbolik in diesem Spiegel steckt und welche verschiedenen Räume er zudem vermitteln kann. Man betrachtet den Spiegel und plötzlich verwandelt er sich dann beispielsweise in ein Spielcasino.“ 

Wie ein Cardiotraining
Im Rahmen der Handlung und ihrer Auftritte auf der Seebühne haben beide enorme Strecken und etwaige Höhenangst zu überwinden und sie haben sich daran gewöhnt, mitunter im Wasser zu stehen. Er kommentiere solche Herausforderung gerne mit etwas Humor, meint Kostas Smoriginas: „Man kann sich das Gehen im Wasser wie ein Cardiotraining vorstellen, das man zusätzlich absolviert.“ Weitere besondere Fähigkeiten, die sich alle Sängerinnen und Sänger hier anzueignen haben, werden bei der Beantwortung von Fragen bezüglich der akustischen Gegebenheiten auf dem See deutlich. Den Orchestergraben bei der Seebühne gibt es seit etwa zwei Jahrzehnten nicht mehr, die Wiener Symphoniker spielen im Festspielhaus, die Musik wird nach draußen übertragen. Beide bezeichnen diese Situation als „technisch interessant, speziell, aber auch diffizil“. Beim notwendigen Hören auf das Orchester vertrauen sie aber nicht nur auf das stets weiter entwickelte und deshalb von ihnen eigens sehr gelobte Soundsystem in Bregenz, sondern auch auf die eigene Intuition, denn trotz der an verschiedenen Stellen positionierten Monitore könne man den Dirigenten nicht immer sehen. 

Marjukka Tepponen war erstmals im Sommer 2015 bei den Bregenzer Festspielen für Puccinis Turandot auf dem See engagiert und debütierte damals in der Rolle der Liù. „Es war alles Neuland für mich, die Rolle, die mir sehr am Herzen lag und auch die besonderen Umstände auf der Seebühne. Sich eine neue Rolle zu eigen zu machen, ist immer eine Reise. Diese war eine besondere.“ Anders als die lyrische Partie der Liù, verlangt die Rolle der Violetta, wie man weiß, sehr unterschiedliche stimmliche Facetten. Entscheidend sei es, den Bogen und die Entwicklung ihrer Geschichte so greifbar wie möglich zu gestalten, erklärt die Sopranistin eine der anspruchsvollsten Partien des Genres, die sie beispielsweise an der Finnischen Nationaloper mehrmals gesungen hat: „Dort, wo es möglich ist, muss man ruhig bleiben und sich die Kräfte einteilen, um dann Gas geben zu können. Auf der Seebühne ist es, als würde man einen Marathon durchsprinten.“ 

Ganz versunken in Violettas Gefühlswelt
Violetta macht bekanntermaßen eine enorme Entwicklung durch, sie sagt zu Alfredo zuerst, dass sie ihn nicht lieben kann, weil das nicht ins Konzept der Kurtisane passt, entdeckt dann aber ihre Liebesfähigkeit. Die Antwort auf die Frage nach der Strategie, die Marjukka Tepponen hat, um diese komplexe Handlung und diese Gefühlswelt dem Publikum über eine große Distanz zu vermitteln, umschreibt sie mit der Möglichkeit, ganz in der Geschichte versunken zu sein: „Das ist magisch, einfach großartig. Auch wenn es keine Pausen gibt, auch wenn für mich schon ein Kostümwechsel ansteht, während er noch eine Arie singt und auch wenn ich am Ende bei der allerletzten Note stimmlich noch voll auf der Höhe sein muss.“ 

Zwischen den beiden Engagements von Marjukka Tepponen auf der Bregenzer Seebühne liegen somit gut zehn Jahre. Im letzten Jahr übernahm sie zudem eine der beiden Solopartien in der Chor-Orchester-Sinfornie Kullervo von Jean Sibelius im Festspielhaus. „Jeder in Finnland kennt die Geschichte von Kullervo. Es war etwas ganz Besonderes, das Werk hier mit einem finnischen Chor und weiteren Chören aufzuführen. Als ich vor einem Jahr dafür mit dem Zug nach Bregenz fuhr, sind viele Erinnerungen in mir wach geworden. Ich freute mich, für kurze Zeit zurückzukommen und über die Aussicht, dass ich bald wieder den ganzen Sommer hier verbringen werde.“

In der kommenden Spielzeit stehen für Tepponen einige Rollen im Bereich der neuen Musik an. „Ich arbeite auch im Ensemble an der Oper in Dresden, außerdem interessiere ich mich für Rollen von Janáček.“ Sie hat jüngst an der Oper in Graz die Hauptpartie in Kàt’a Kabanová gesungen und wird sich selbstverständlich die Produktion der Oper Die Ausflüge des Herrn Brouček von Leoš Janáček heuer im Bregenzer Festspielhaus ansehen. „Ich liebe die Musik von Janáček und sende die Bitte, dass ich einmal seine Jenufa singen möchte, einfach ins Universum. Diese Rolle steht auf meiner Bucket-List. Ich weiß, das Stück ist sehr traurig, aber ich liebe es einfach – je mehr Drama, desto besser.“

Persönliche Verbindung zu Alfredos Schicksal
Kostas Smoriginas kam im Jahr 2017 als Escamillo in Bizets Carmen in der Inszenierung von Kasper Holten erstmals nach Bregenz, danach war er Graf Monterone in Verdis Rigoletto. Philipp Stölzl hatte das Bühnenbild mit dem Clownskopf entworfen und inszeniert: „Die Produktion war eine echte Show, sehr effektvoll“. Den Escamillo hat der Bassbariton bereits an vielen Häusern gesungen. Das herausfordernde Spiel in Bregenz im Carmen-Bühnenbild von Es Devlin mit den mitunter schräg gestellten Spielkarten hat er so gut in Erinnerung wie die dabei zudem erforderliche Bootsfahrt: „Wenn man auf dieser Bühne auf dem See etwas macht, muss man das Wasser miteinbeziehen.“ In La traviata hat er bereits mehrere Rollen gesungen, bei den Festspielen in Aix-en-Provence, wo es eine große Bühne im Hof eines ehemaligen Palais’ gibt, stand er neben Natalie Dessay als Baron Douphol in der Inszenierung von Jean-François Sivadier auf der Bühne. Nun ist er Giorgio Germont, der von seinem Sohn Alfredo verlangt, die Verbindung mit Violetta zu beenden, weil sie dem Ansehen der Familie schade. Als er die wahre Liebe zwischen den beiden erkennt und zudem erfährt, wie nobel Violetta mit der Aufforderung umgeht, kommt seine Reue zu spät. „Ich verbinde die Rolle auch mit mir selbst“, verrät der Künstler auf die Frage, wie man das alles über eine derart große Distanz vermitteln kann. „Ich war so zwischen 16 und 17 Jahre alt, als ich mich in eine Frau verliebte, die um einiges älter war als ich. Sie hatte viel Erfahrung, ich nicht, aber ich liebte sie sehr. Sie beendete die Beziehung zu mir etwa mit der Bemerkung, dass ich zu jung sei. Erst viel später erfuhr ich, dass sich mein Vater mit ihr getroffen hatte und von ihr verlangte, mich zu verlassen.“ 

Was die großen Distanzen auf der Seebühne betrifft, so hat Kostas Smoriginas erfahren, dass sie durchaus dienlich sein können, um Facetten der Handlung zu verdeutlichen. „Damiano Michieletto weiß exakt, was in diesem riesigen Raum zu tun ist.“ Der Bassbariton hat unter anderem an der Covent Garden Opera in London in einer „einzigartigen Inszenierung“ von Carmen mit dem italienischen Regisseur zusammengearbeitet. „Er liefert immer sehr gute Ideen. Er ist ein Regisseur, der sehr aktiv mitarbeitet, er kommt auf die Bühne, zeigt Dinge vor und spielt direkt mit einem zusammen. Das ist wirklich schön und sehr effektiv.“

Als „wunderbar“ bezeichnet Marjukka Tepponen die Zusammenarbeit mit Damiano Michieletto in Bregenz. In der Rolle der Nedda bei einer Wiederaufnahme von Leoncavallos Pagliacci in Finnland hat die Sopranistin zuvor in einer seiner Inszenierungen mitgewirkt.

Vom Schauspiel zur Musik
Er wollte an sich nicht Sänger werden, gesteht Smoriginas ein Detail aus seinem Werdegang: „Ich kannte Leute, die sehr talentiert waren und von Natur aus eine fantastische Stimme hatten. Meine eigene Stimme war normal, nichts Einzigartiges. Da ich aus einer Theaterfamilie stamme, wollte ich eigentlich Schauspieler werden. Dass ich zur Musik kam, war eher ein Zufall. Ich spielte Gitarre und sang, habe dann extrem hart gearbeitet und tue das auch heute noch. Ich arbeite an meiner Stimme und trainiere mit Lehrern und Coaches. Ich glaube, ein Sänger, der sagt, dass er fertig ist, hat im Grunde schon abgeschlossen mit seinem Beruf. Ich bin stets am Lernen.“

Marjukka Tepponen ist, wie sie sagt, „in einem Sinfonieorchester-Umfeld“ aufgewachsen. Der Vater war als Cellist 40 Jahre lang Mitglied eines Orchesters. Jede Woche gab es ein Konzert in ihrer Heimatstadt Kuopio. Die Mutter war Physiotherapeutin. „Das war eine schöne Kombination aus Musik und Sport.“ Als Kind hat sie Klavier gespielt, es habe ihr aber an der nötigen Motivation zum Üben gefehlt. „Als ich dann aber das richtige Instrument – meine Stimme – gefunden hatte, habe ich ständig gesungen. Zuerst nahm ich Gesangsunterricht, etwa für Popmusik, aber ein Jahr später – ich war damals in meiner Heimatstadt am Konservatorium – entdeckte ich meine Leidenschaft für die Oper.“

Zu den vielen Engagements von Kostas Smoriginas als Jochanaan in der Oper Salome von Richard Strauss zählt auch jenes in der Region, nämlich an der Oper Zürich. Im nächsten Jahr singt er diese Partie in Tokio und erwähnt mit dem Blick zu Marjukka Tepponen, dass sie doch auch einmal eine tolle Salome sein könnte. Daraus ergäbe sich die Möglichkeit, beiden bei einer Aufführung dieser Oper zu begegnen. Aus dem weiteren Gespräch ergibt sich jedenfalls die Tatsache, dass sich Smoriginas die Rolle des Macbeth in der gleichnamigen Oper von Verdi erarbeiten will. „Das ist mir ein Anliegen, denn mein Vater war ein wunderbarer Macbeth am Theater, ich möchte ihm diese Rolle widmen.“ Zu den spannenden Projekten, die für den Bassbariton anstehen, zählen Amonasro in Aida, die Titelpartie in Don Giovanni oder der Scarpia in Tosca. „Abwechslung ist mir wichtig, stets etwas zu entdecken, das macht die Schönheit unseres Berufes aus.“

(cd)

21.07.2026 Kostas Smoriginas als Giorgio Germont in "La traviata" © Bregenzer Festspiele / Anja Koehler
11.07.2026 Klavierhauptprobe "La traviata" 2026 Marjukka Tepponen (Violetta)
© Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann

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