Bregenzer Festspiele
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Wandelbares Bühnenbild: Zum Mond, ins Mittelalter und zurück nach Prag

Vom fliegenden Haus bis in die Prager Unterwelt des 15. Jahrhundert. Das Bühnenbild von Die Ausflüge des Herrn Brouček nimmt das Publikum mit durch Raum und Zeit. 

Mit der Premiere von Die Ausflüge des Herrn Brouček hob am 23. Juli bei den Bregenzer Festspielen nicht nur die Rakete des Titelhelden ab. In Yuval Sharons Inszenierung reist der mürrische Prager Matej Brouček zunächst auf den Mond und anschließend ins mittelalterliche Prag zur Zeit der Hussitenkriege. Das wandelbare Bühnenbild macht diese beiden Welten erst erlebbar. Hinter den eindrucksvollen Szenen auf der Bühne stecken Monate präziser Handwerksarbeit in den Werkstätten der Bregenzer Festspiele.

Bereits im März herrschte in der Tischlerei Hochbetrieb. Schon beim Betreten der Werkstätte sind Bohrmaschinen und Stimmengewirr zu hören. Tischlerin Shantira Kosol arbeitet hier am Haus von Matej Broucek, welches sich in eine Rakete verwandelt. In der Montagehalle liegen bereits die fertigen Sandwichplatten. Sie bestehen aus Holzplatten, die mit Dämmplatten verklebt sind, und bilden später Wände, Dach und Boden des Hauses. Zuvor wurden die Hausteile als 3D-Modell im CAD-Programm gezeichnet und anschließend mit einer CNC-Fräse präzise ausgeschnitten. Anschließend verkleidete das Team die leichten Holzrahmen mit den vorbereiteten Platten.

Eine der größten Herausforderungen: „Es muss leicht sein, aber trotzdem stabil genug, dass eine Person darin laufen kann“, erklärt Tischlerin Shantira Kosol. Der Rohbau bringt bereits rund 600 Kilogramm auf die Waage. Damit das Haus auf der Bühne tatsächlich „fliegen“ kann, wurde die Rückwand mit zwölf Schrauben am Hubmast eines Gabelstaplers befestigt. Außen erhielt das Haus einen schwarzen Anstrich mit grauen Fensterrahmen, innen sorgen graue Tapeten, ein Fernseher und ein Sessel für eine schlichte Atmosphäre – beinahe ein Spiegelbild von Broučeks nüchterner Welt.

Doch das fliegende Haus ist längst nicht das einzige bewegliche Bühnenelement. Zu Beginn der Oper ist das große Oval auf der Bühne noch unter einem schwarzen Tuch verborgen. Sobald Broučeks Rakete auf dem Mond landet, verschwindet die Abdeckung und gibt die detailreiche Mondlandschaft frei.

Gefertigt wurde diese Mondlandschaft in der Kaschur. Dort gestalteten Abteilungsleiter Robert Grammel und sein Team die Mondoberfläche mit einer besonderen Technik. Rund zehn Tage lang entstand die Landschaft Schicht für Schicht auf dem weißen Bodentuch, welches später über das Oval gespannt wird. „Dabei muss man invertiert denken und vorgehen“, erzählt Robert Grammel. Denn die hellsten Bereiche des Mondes werden mit Sägespänen bedeckt. Danach wird dunkle Farbe mit Pumpsprühflaschen auf das Tuch gesprüht. Im nächsten Schritt werden die Sägespäne umverteilt, jene Stellen die hellbleiben, sind weiterhin verdeckt, und es wird wieder gesprüht. Durch die feinen Farbtropfen entsteht eine Pixeloptik. Nach sieben bis acht Durchgängen bleiben jene Bereiche, die nie mit Sägespänen bedeckt waren, besonders dunkel. Erst nachdem alle Sägespäne weggekehrt waren, zeigt sich die fertige Mondlandschaft.

Im zweiten Akt verwandelt sich die Bühne erneut: Das Oval klappt nach oben und gibt den Blick auf eine matschige Unterwelt frei. Ein Spiegel auf der Unterseite des Ovals vergrößert den Raum optisch und verstärkt die Wirkung der Szene. Statt einer Spiegelfolie entschied sich der Bühnenbildner für eine Spiegelplatte, da diese besser spiegelt. Sie wurde als einer der Decklagen für die Herstellung und Verleimung der Oval-Sandwichplatten verwendet. Die andere Decklage ist Pappelsperrholz. Die empfindliche Oberfläche erforderte beim Fräsen, Transport und Einbau besondere Sorgfalt – schon kleinste Kratzer wären später auf der Bühne sichtbar gewesen.

Der Rohbau der Unterwelt besteht aus mehreren Kastenformen, in jeder dieser Boxen gestaltete die Kaschur eine eigene matschige Landschaft: Geschnitztes Styropor wird hier in die Kästen geklebt und anschließend mit Polsterfilz beklebt. Dieser wird sonst für Sitzflächen verwendet. Da sich die Darsteller:innen später im Matsch bewegen, knien und wälzen, durfte die Oberfläche nicht zu hart werden. Anschließend werden Leim und Gewebefüller mit Sägespänen vermischt und auf den Filz geklebt. Abgerundet wird das Bild mit mehreren Schichten Farbe und einem Klarlack.

Was während der Premiere scheinbar mühelos ineinandergreift, ist das Ergebnis monatelanger Planung und sorgfältiger Handarbeit – ohne sie wäre Broučeks Reise durch Raum und Zeit nicht möglich. Matej Broučeks Rakete hebt am 26. Juli und am 3. August noch einmal bei den Bregenzer Festspielen ab.

(jf)

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