Jedes Kostüm eine eigene Leinwand
Für Die Ausflüge des Herrn Brouček bearbeiten die Kostümmalerinnen der Bregenzer Festspiele 69 Kostüme. Mithilfe der Techniken des „Breakdowns“ und „Agings“ lassen sie die Kostüme aussehen, als wären sie jahrelang Schlamm und Schmutz ausgesetzt gewesen.
Beim Betreten der Werkstatt des Kunstgewerbes im Festspielhaus steigt sofort der Geruch von Farbe und feuchtem Stoff in die Nase. An Schneiderpuppen hängen Kostüme, daneben wird Stoff zerrissen. Ein raues, kratzendes Geräusch ist zu hören. Mit viel Liebe werden hier die Kostüme für Die Ausflüge des Herrn Brouček vorbereitet – Techniken des Breakdown und Agings lassen die Kostüme getragen und verschmutzt wirken.
An einer Schneiderpuppe hinten im Raum hängt ein dunkelblaues Kleid mit einer weißen Schürze und vielen schönen Stickereien. Die Schürze hat ein riesiges Loch, an dem Kostümmalerin Sarah gerade arbeitet. Doch anstatt das Loch zu flicken, arbeitet sie dieses bewusst weiter aus. Überall auf dem Kostüm erkennt man bereits Schlammspritzer, es sieht getragen und uralt aus. Die Kostüme sind nach den Entwürfen des Kostümbildners Jon Bausor extra für Die Ausflüge des Herrn Brouček zusammengestellt worden. Einige Teile davon stammen aus dem Fundus der Bregenzer Festspiele, von Opern wie Œdipe und Der Freischütz. Stoffreste wurden wiederverwendet oder zu neuen Kleidungsstücken genäht. Der Großteil der Kostüme ist allerdings getrödelt oder Second Hand gekauft. Eine Schneiderpuppe in der Mitte des Raums trägt beispielsweise eine tschechische Tracht. Ihren Kopf bedeckt eine weiße Haube mit detailreichen Stickereien. Das Rot des Kleides ist grell und leuchtend. Noch.
Wenn Kostüme Geschichten erzählen
Am Bügelbrett neben der Puppe arbeitet Kristina, Abteilung Kunstgewerbe, an einem langen hellblauen Rock. Sie reißt mit einer Metallbürste den Saum etwas auf und bearbeitet den Stoff am unteren Ende des Rocks so, dass er dünner und rissiger erscheint. Dieser mechanische Teil der Arbeit sei der anstrengendste, da er körperlich sehr fordernd sei, so die Kostümmalerinnen. Was für den Laien zunächst widersinnig klingt, ist ein wesentlicher gestalterischer Prozess, mit dem die Kostüme gezielt in den für die Inszenierung erforderlichen Zustand versetzt werden.
Nach diesem sogenannten Breakdown, dem Zerlöchern und Zerreißen des Stoffs und der Nähte, werden die Kostüme gefärbt und gebleicht. Dies übernimmt Mareike, die an den Waschbecken in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes steht. Das Wasser in den drei Becken vor ihr ist dunkelgrün und braun. Sie bereitet gerade die nächsten Kostüme für die Farbanpassung vor. Danach wird jeweils der Saum noch dunkler gefärbt. Die Kleider und Röcke wirken dadurch deutlich stärker gealtert – als ob ihre Trägerinnen mit ihnen bereits seit langer Zeit durch Schlamm und Schmutz gewatet sind.
In den Tagen darauf werden die Kostüme mit Plusterfarbe bemalt. Dabei schleudern die Malerinnen die Farbe unter anderem mit Klobürsten auf die Kostüme, wodurch sich besonders natürlich wirkende Spritzstrukturen erzeugen lassen. Wenn die Farbe mit einem Heißluftföhn erhitzt wird, „plustert“ sie auf. Dieser Effekt wird stellenweise für mehr Struktur genutzt.
Hinter jedem Arbeitsschritt steckt ein gestalterisches Konzept. Durch unterschiedliche Mal- und Alterungstechniken – Breakdown und Aging genannt – entstehen individuelle Oberflächen, die den Figuren auf der Bühne Geschichte und Charakter verleihen. Materialkenntnis, Farbgefühl und handwerkliche Präzision spielen dabei eine zentrale Rolle. Alle Mitarbeiterinnen verfügen daher auch über eine künstlerische Ausbildung und viel fachliche Erfahrung in ihrer Profession, die teils als Kunstgewerbe, teils als Kostümmalerei bezeichnet wird.
Drei Wochen später. Der Raum riecht nach Farbe. Sarah und Kristina bemalen mit Orange- und Brauntönen die Kleider. Das Ziel ist es die Kleider „rostig“ wirken zu lassen. Die beiden Malerinnen stimmen sich während der Arbeit immer wieder ab, wann der gewünschte Alterungsgrad erreicht ist. Nach dem Anmalen werden die Kleider noch mit Nasslack bemalt, damit alles hält.
69 Kostüme für die Hausoper
Im April haben die Kostümmalerinnen mit ihrer Arbeit begonnen. Die ersten Kostüme für Die Ausflüge des Herrn Brouček sind bereits Ende April fertiggestellt. Auch das rote Kleid auf der Schneiderpuppe, das anfangs noch so bunt geleuchtet hatte, ist darunter. Es hat mittlerweile überall Löcher und lose Säume, wirkt dreckig und die weiße Haube mit Stickereien erscheint ganz ausgebleicht und schmutzig. Der untere Saum ist beinahe schwarz und sieht aus, als ob er von seiner Trägerin jahrelang durch den Dreck geschleift wurde. Insgesamt bearbeiten die Mitarbeiterinnen der Abteilung Kunstgewerbe 69 Kostüme – 58 für den Chor und 11 für die Solist:innen. Am 23. Juli 2026 werden die Kostüme dann bei Die Ausflüge des Herrn Brouček auf der Bühne zu sehen sein.
(jf)