„Von Rossini ist mir alles recht"

Brigitte Fassbaender liest am 7. August aus ihrer Biografie Komm' aus dem Staunen nicht heraus

Bregenz, 30.7.21. Tickets und weitere Infos zur Lesung finden sie hier

Eine Meisterin inszeniert ein Meisterwerk: Brigitte Fassbaender erarbeitet Gioachino Rossinis Die Italienerin in Algier mit den jungen Solistinnen und Solisten des Opernstudios. Im Interview verrät die Ausnahmekünstlerin, worauf sie sich dabei am meisten freut und wo Fallstricke lauern, warum ein guter Sänger nicht nur singen können muss und wie ihre Memoiren sie verändert haben.

Frau Fassbaender, wie haben Sie als bekennender Workaholic die Zeit des Corona-bedingten Kultur-Lockdowns erlebt? Wie geht es Ihnen?
Der Kultur-Lockdown musste sein – am schlimmsten davon betroffen waren und sind freischaffende Künstlerinnen und Künstler, deren Existenz die Bühne ist. Viele Chancen konnten nicht wahrgenommen werden, viele Verpflichtungen wurden abgesagt. Wer durchgehalten hat, wird hoffentlich durch erneute Angebote belohnt! Mir selbst geht es gut: Ich war noch nie in meinem Leben so viel zu Hause und habe das genossen.

Bei den Bregenzer Festspielen bringen Sie nun Gioachino Rossinis Oper Die Italienerin in Algier auf die Bühne. Was hat Sie an diesem Werk gereizt?
Ich habe mir das Werk zwar nicht ausgesucht, das obliegt der Intendanz – aber da ich Rossini-Fan bin, ist mir alles von ihm recht! Brillante Musik, tolle Rollen, temperamentvolles Geschehen, skurrile Komik mit Möglichkeiten zu Ernst und Tiefe: Was will man mehr? Die Italienerin in Algier ist ein ziemlich abgehobenes, verrücktes Stück in typischer Rossini-Turbulenz.

Wie legen Sie Ihre Inszenierung an? Und wo sehen Sie bei dem Stück die größte Herausforderung für die Regie?
Wie immer bei Rossini sind die endlosen Ensembleszenen und Finali die größte Herausforderung. Die müssen sprachlich rasant und mit großem stimmlichen Einsatz von den Sängerinnen und Sängern bewältigt werden. Darauf muss die Regie Rücksicht nehmen, ohne aber das Tempo der Aktion zu stark zu drosseln. Wie – und ob – das gelingt, ist jedes Mal ein Vabanquespiel …

Haben Sie eine Lieblingsszene?
Noch nicht! Das kommt nämlich sehr auf die Mitspielerinnen und Mitspieler an: Ich lasse mich immer von den Akteuren inspirieren, deren Fantasie ich wiederum „anheize". Das erste Finale ist genial – mal sehen, was daraus wird!

Die Produktion entsteht zusammen mit den jungen Solistinnen und Solisten des Opernstudios, das Sie bereits zum fünften Mal als Mentorin begleiten. Worauf legen Sie bei der Arbeit mit dem musikalischen Nachwuchs besonderen Wert?
Entscheidend ist, dass die Sängerinnen und Sänger erkennen, wie wichtig ihr eigener Beitrag zur Entstehung des Ganzen ist. Und sie müssen für die Sache brennen und verstehen, dass sie auch schauspielerisch gefordert werden. Das Singen sollte selbstverständlich sein.

Woran erkennen Sie ein Talent? Und wie wird aus einem Talent eine große Künstlerpersönlichkeit?
Die erste Voraussetzung, um den Beruf des Sängers oder der Sängerin zu wählen, muss ein hervorragendes Stimmmaterial sein, unter allen Umständen. Dazu kommen dann eine möglichst hohe Musikalität, Charisma, Fleiß und Konzentration auf die Sache. Eine Künstlerpersönlichkeit wird man nur durch solides Können und souveräne Beherrschung seiner Mittel, sodass man zum Interpreten heranwächst.

Vor zwei Jahren haben Sie Ihre Memoiren veröffentlicht, im Rahmen der Festspielgespräche werden Sie am 7. August daraus lesen. Wie haben Sie den Schreibprozess, die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie empfunden?
Als Bewältigung eines Verdrängungsprozesses. Ich hatte nie Zeit – und auch Scheu –, mich mit meiner Vergangenheit und der Entwicklung meines Lebensweges auseinanderzusetzen. Das war ein spannender, oft aber auch schmerzlicher und subtiler Vorgang.

Als Titel haben Sie ein Zitat aus Richard Strauss’ Rosenkavalier gewählt: „Komm’ aus dem Staunen nicht heraus". Worüber staunen Sie rückblickend am meisten?
Ich staune, was aus mir geworden ist, mit sehr viel harter Arbeit, Fleiß und glückhaften Konstellationen. Und wie logisch sich mein Weg nach dem Singen fortentwickelt hat. Aber am meisten staune ich – dankbar – darüber, dass ich immer noch gefragt bin und Theater machen darf.

(em)
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