Unsichtbare Handreichungen und eine wiederverwertbare Leiche

Die Requisite: Zur richtigen Zeit am richtigen Platz in der richtigen Form

Bregenz, 30.7.21. Requisiten sind unabdingbar, am Theater die Illusion zu erzeugen. Beim Spiel auf dem See sind sie oft überdimensioniert, auf jeden Fall müssen sie für den Einsatz inmitten der Naturelemente besondere Eigenschaften erfüllen, wie Theresa Steiner schildert.

Zuvor Graz, jetzt Bregenz, dann Bremerhaven. Die 26-jährige ausgebildete Bühnenbildnerin Theresa Steiner aus Altenmarkt/Zauchensee liebt es, Orte und Aufgaben zu wechseln. Diesen Sommer ist sie Teil des siebenköpfigen Requisiteurinnen-Teams von Rigoletto. Bei jeder Aufführung kümmern sich drei von ihnen um die reibungslose „Versorgung“ der Mitwirkenden. Die Vorbereitungen beginnen bereits am Nachmittag und die Requisiteure zählen zu den Letzten, die etwa um Mitternacht die Seebühne verlassen.

Die Verdi-Oper ist kein Kindergeburtstag. Schon sehr früh geht’s mit einer Leiche zur Sache. Das Publikum ist Zeuge des Mordes, wie der Leichnam in ein Tuch gewickelt und von den Helfern des Auftragsmörders Sparafucile ins Wasser geworfen wird. Anhand dieses Leichensacks lässt sich das Leistungsspektrum der Requisite gut erklären. Ein Requisit muss echt ausschauen, das richtige Gewicht haben, das richtige Verhalten an den Tag legen. „Den Leichensack hat noch das Vorgängerteam der Saison 2019 entwickelt“, beginnt Theresa Steiner. Es sei nicht einfach gewesen, wurde ihr überliefert. „Da ist ein Dummy drin“, der nicht nur einen menschlichen Körper vortäuschen muss, sondern auch dessen Eigenschaften im Wasser – „der darf nicht sofort untergehen. Der soll noch einige Sekunden lang in Richtung Zuschauer treiben.“ Das ist das eine. Das andere: So eine Leiche muss wiederverwertbar sein, denn morgen gibt’s die nächste Vorstellung.

Theresa Steiner nimmt das Seil des Leichensacks, und während sie es zusammenlegt und einen kleinen dunklen Schwimmer herunterbaumeln lässt, spricht sie von Klebestreifen, die ums Seil gewickelt werden und die sich nach bestimmter Zeit im Wasser auflösen. Dadurch werde das Seil, das samt der Leiche versinkt, später wieder frei und entlässt den Schwimmer als Boje an die Wasseroberfläche: „Damit die Taucher nach der Vorstellung oder, wenn der See zu unruhig ist, am nächsten Tag wissen wo sie die Leiche bergen müssen.“ Dann geht es wieder von vorne los. Trocknen lassen, alles überprüfen, präparieren und zur richtigen Zeit am richtigen Ort auf der Seebühne bereithalten.

Bei Rigoletto gibt es auch markante Einweg-Requisiten. Ohne allzu viel zu verraten: Es sind zwei Miniaturausgaben des großen Fesselballons, die in den Nachthimmel entschwinden. Was bedeutet: „Sie müssen genauso aussehen. Jeder einzelne wird von uns von Hand bemalt und aufgeblasen. Einen dritten haben wir immer in Reserve.“ Weil niemand weiß, wohin es die Ballone weht, ist das Material umweltfreundlich. Und heikel. Heikel in dem Sinne, dass so ein Ballon frühzeitig platzen kann, wenn der Druck zu hoch ist. Oder, im umgekehrten Fall, nicht inszenierungsgerecht davonfliegen will.

Im Grunde genommen ist es bei den zwei prallen Augäpfeln, die im 2. Akt über die riesige Seebühne gerollt werden, das ähnliche Problem. Auch dabei geht es um die richtige Befüllung. Wer hinter der Bühne unterwegs ist, entdeckt an allen möglichen Stellen kleine Aufkleber mit „Augendruck überprüfen“ in roter Schrift. Damit die Szene optimal über die Rampe kommt. „Je nach Temperatur und Luftdruck schwankt die Festigkeit der beiden Augen. Da machen zwei, drei Grad Temperaturunterschied eine Menge aus“, erklärt Theresa Steiner, „deshalb müssen wir von der Requisite den Augendruck nochmals überprüfen, kurz bevor die Augen auf die Bühne kommen … und Luft hineinpumpen oder herauslassen.“

Zusammen mit dem Messerrad sind die beiden Augäpfel die größten Requisiten bei Rigoletto. Die kleinste Requisite ist ein Butterfly-Messer, das Sparafucile im richtigen Zeitpunkt zugesteckt werden muss. Solche Handreichungen erfolgen in der Regel schwarz gewandet – derzeit auch mit schwarzer Corona-Maske – im Hintergrund des Bühnenbildes, um von der Nacht verschluckt zu werden.

Gibt es bei mehreren Dutzend Requisiten eine Checkliste, so wie sie Piloten vor dem Start abhaken müssen? Die gibt es, und nicht nur eine. „Wir haben unterschiedliche Requisitenlisten, geteilt nach Akten, wann sie auftreten“ – man merke: auch Requisiten treten auf! –, „das ist praktisch für den Probenablauf, weil man nicht immer das ganze Stück probt. Dann haben wir eine, die nach Orten auflistet, damit man schnell weiß, was wohin muss. Und dann haben wir noch eine dritte Liste, wo drinsteht, was wir während der Aufführung zu welcher Uhrzeit machen müssen.“ Und nein, nicht am iPad, sondern noch klassisch in Papierform. „Im Idealfall wird’s laminiert, damit die Liste länger hält.“

„Nach jeder Vorstellung, wenn die Bühne freigegeben wird, heißt es die Requisiten wieder einzusammeln und fürs nächste Mal einzuräumen oder zur Reparatur vorzumerken. Manchmal sitzen dann noch die letzten Zuschauerinnen und Zuschauer auf der Tribüne und winken herüber oder halten den Daumen in die Höhe. Das freut einen schon sehr“, sagt Theresa Steiner, die wie ihre Kolleginnen ansonsten unsichtbar bleiben muss.

(ami)
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