In der Waschküche von Madame Butterfly

SEIT 26 JAHREN SORGT SIEGLINDE MASNETZ DAFÜR, DASS SICH DAS ENSEMBLE IN SEINER ZWEITEN HAUT WOHL FÜHLT

Bregenz, 5.8.22. Am Höhepunkt einer Saison beschäftigen die Bregenzer Festspiele bis zu 1500 Menschen. Die meisten davon bekommen die Besucher nicht zu Gesicht. Sie sorgen im Hintergrund für den reibungslosen Ablauf. Oder, das träfe es bei Sieglinde Masnetz genauer, im Untergrund. Seit 26 Jahren können sich Mitwirkende und Orchester auf sie verlassen, mit frischer Wäsche die Bühne oder den Orchestergraben zu betreten.

„Das Haus steht schon genau so lange, wie ich hier arbeite“, weist Sieglinde Masnetz auf die Umstände hin, die sie hierher, in einen nur durch eine Oberlichte mit der Außenwelt verbundenen Raum unterhalb der Zuschauertribüne geführt haben. Vieles, so auch die Wäscherei, war ausgelagert, bevor 1996/97 das umgebaute Festspielhaus und die erweiterte Tribüne in Betrieb gingen. Dann gab es erstmals auch den Platz, um bestimmte Tätigkeiten selbst ausführen zu können, die wahrscheinlich nur ein, zwei von hundert Besuchern in den Sinn kommen. Sieglinde Masnetz bringt ihren Einsatz kurz und bündig auf den Punkt: „Ich wasche und bügle.“

Es ist halb neun am Morgen. Draußen, zweimal ums Eck, vor einem Seiteneingang, hängen auf Kleiderstangen cremefarbene Bodys der Tänzerinnen. An einem anderen Ständer trocknen zehn schwarze Hemden der Wiener Symphoniker. „Regen kommt! Egal?“, werden wir im Gespräch von einem Mann unterbrochen, der nur kurz den Kopf zur Tür hereinsteckt und offenbar in Eile ist. „Na!“, sagt Sieglinde. Schnell rollen wir die Wäscheständer zu uns in den nüchtern, geweißten Raum unter der Tribüne.

Bis zur Aufführung von Madame Butterfly am Abend hätte die Wäsche noch mehr als genug Zeit zu trocknen. An einem anderen Tag wäre Sieglinde – jeder kennt und nennt sie nur beim Vornamen – jedoch schon längst auf dem Weg nach Hause in Hard. Die 74-Jährige hätte längst Feierabend. Nur für unser Gespräch ist sie später als sonst gekommen und länger geblieben. „Sonst steh ich um halb drei auf und arbeite dann von vier bis acht.“ Dieses Frühaufstehen wäre jetzt, nach Beginn der Bregenzer Festspiele, nicht nötig. Doch sie sei es gewohnt. Denn während der Phase der Proben ist es notwendig, noch zu nachtschlafender Zeit als eine der Ersten ins Festspielhaus zu kommen: „Wenn die Proben um neun am Vormittag beginnen, da muss die Wäsche vom Vortag ja schon wieder gewaschen und gebügelt sein …“

Was ist „die Wäsche“ genau? Selten sind es die Oberteile der Kostüme. Die benötigen in der Regel eine Spezialbehandlung. Vor allem handelt es sich um die maßgefertigte Unterwäsche des Ensembles, auch um die Lagen dazwischen. Wie aufwendig oder empfindlich diese Wäschestücke sind, am Ende des Tages auch wie schweißtreibend – das ist von Produktion zu Produktion unterschiedlich. Die Handtücher, mit denen sich Sänger und Tänzer hinter der Bühne abtupfen, auch sie landen bei Sieglinde.

Alles muss zur bestimmten Zeit griffbereit wieder an seinem Platz sein. Anlieferung, das Beladen der mittleren und großen Waschmaschinen und Trockner, das Bügeln oder auch ein eiliger Zwischenstopp in der hauseigenen Schneiderei zur Reparatur, das erfordert ein kleines internes Logistiknetzwerk. Sieglinde ist darin seit 26 Jahren ein wichtiger und verlässlicher Knotenpunkt. Stimmt es, dass sie nach dieser Saison endgültig aufhört? „Ich weiß es noch nicht. Mal schau’n“, sagt sie und nestelt mit den Fingern an einem Hemd vor sich herum. Sie will keine langen Geschichten erzählen. Sie will ihre Arbeit fertig machen, die ihr sichtlich ans Herz gewachsen ist. 

(ami)

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