Weltweit bekannt, regional verankert

Bregenz, 26.11.2020. Intendantin Elisabeth Sobotka über das Programm der Bregenzer Festspiele 2021

Sie planen gerade in herausfordernden Zeiten den kommenden Festspielsommer. Blicken Sie optimistisch in die Zukunft?
Elisabeth Sobotka: An dieser Stelle möchte ich mich ganz besonders bei unserem Publikum bedanken. Das Spiel auf dem See war so gut wie ausverkauft und fast die Hälfte der Karten für Rigoletto auf der Seebühne wurde auf den kommenden Sommer umgetauscht. Dadurch konnten wir uns voller Zuversicht an die Planung machen. Es ist gelungen, alle für 2020 gedachten Projekte in das nächste oder übernächste Jahr zu verschieben und dadurch den Künstlerinnen und Künstlern eine Perspektive zu bieten. Außerdem fanden diesen August die Festtage im Festspielhaus statt, die auch vom Sicherheitskonzept her ausgezeichnet funktioniert haben. Sowohl die künstlerische Arbeit als auch die Begegnungen in den Aufführungen waren beglückend.

Die Bregenzer Festspiele sind 1946 gegründet worden. Wie wird der wichtige Geburtstag gefeiert?
75 Jahre Bregenzer Festspiele bedeuten gleichzeitig eine 75-jährige Zusammenarbeit mit den Wiener Symphonikern, die mit ihrem neuen Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada in Bregenz auftreten werden. Deshalb stehen zwei Konzerte „unseres“ Orchesters im Mittelpunkt des Jubiläums. Richard Wagners Das Rheingold als eine Hommage an den Bodensee, den der Rhein nicht nur durchfließt, sondern auch inspiriert und belebt. Dieses besondere Konzert wird in einer halbszenischen Fassung von Johannes Erath präsentiert. Und Joseph Haydns Oratorium Die Schöpfung mit dem Bregenzer Festspielchor, dem Kornmarktchor und weiteren Sängerinnen und Sängern aus der Gegend. Diese starke Verbindung zur Region und zu den Beteiligten macht – wenngleich wir zahlreiches internationales Publikum begrüßen – die spezielle Kraft der Festspiele aus.

Die Seebühne ist durch ihre Einzigartigkeit weltweit bekannt. Sie bezeichnen sie oft als „Herz und Motor der Bregenzer Festspiele“. 2021 gibt es noch einmal die Chance, Giuseppe Verdis Rigoletto zu sehen.
Der Narrenkopf begleitet uns ein Jahr länger als geplant. Wir haben ihn gerade fit gemacht für nächstes Jahr und freuen uns unglaublich, dass er noch einmal den Sommer beleben wird – in der großartig gelungenen Inszenierung von Regisseur und Bühnenbildner Philipp Stölzl. Es ist ein Geschenk, dass dieses Erfolgsprojekt mit fast allen an der Premiere beteiligten Künstlerinnen und Künstlern im Sommer 2021 wieder stattfinden kann. Und es gibt eine Neuigkeit: Erstmals wird mit Julia Jones eine Frau das Spiel auf dem See dirigieren!

Die neue Saison startet mit Arrigo Boitos Nero als Oper im Festspielhaus. Boito wirkte nicht nur als Komponist, sondern schuf geniale Libretti für Giuseppe Verdis Otello und Falstaff. Das dramaturgische Netz spinnt sich weiter zu Franco Faccios Oper Hamlet, für die ebenfalls Boito das Textbuch schrieb. Sie wurde bei den Bregenzer Festspielen 2016 wiederentdeckt.
Das Regieteam, das Hamlet so erfolgreich auf die Bühne gestellt hat, arbeitet mit Begeisterung an der Oper Nero, die einen besonderen Stellenwert in der italienischen Operngeschichte hat. Denn Arrigo Boito war – ebenso wie Franco Faccio – inspiriert von Richard Wagners Gesamtkunstwerk und wollte diese Idee in der italienischen Oper umsetzen. Er hat ein starkes Drama geschaffen, das durch die Frage „Wie steht ein Künstler in der Welt?“ persönlich gefärbt war, aber daneben auch einen großen religionsphilosophischen Rahmen umfasst. Kein Wunder, dass er Nero bei diesen Ansprüchen nicht fertigstellen konnte.

Zum sogenannten Festspielbezirk gehört außer der Seebühne und dem Festspielhaus noch die Werkstattbühne, deren offener Raum zu zeitgenössischem Musiktheater einlädt. Wird die jahrelang vorbereitete Uraufführung des Opernateliers dort ihren Platz finden?
Es ist uns gelungen, auch unser Opernatelier Wind – das durch die Einblicke und die inspirierende Zusammenarbeit mit Rieger-Orgelbau bereits Interesse geweckt hat – ins Jahr 2021 zu verschieben. Der Komponist Alexander Moosbrugger, ursprünglich aus dem Bregenzerwald, und die bildende Künstlerin Flaka Haliti, die aus Priština stammt, kreieren gemeinsam diese Uraufführung. Ein wahrhaft europäisches Projekt, verankert in der Region.

Von Beginn an als internationale Kooperation mit Kulturinstitutionen in New York, Amsterdam und Köln konzipiert, ist die österreichische Erstaufführung der Filmoper Upload ebenfalls auf der Werkstattbühne zu erleben. Michel van der Aa, einer der innovativsten multimedialen Komponisten, sprengt die Grenzen des Genres und verknüpft digitale Formate mit der uralten Kunstform Oper. In dem Fall mit einem brennenden Thema: Was ist Identität im Zeitalter von künstlicher Intelligenz? Was bleibt von uns, wenn wir alle Daten digitalisieren? Können wir sogar eine Persönlichkeit „hochladen“?

Entstehen mit anderen Bregenzer Kulturinstitutionen ebenfalls Synergien?
Ja, besonders im Jubiläumssommer war es uns wichtig, neben der internationalen Strahlkraft die regionale Vernetzung zu betonen. Wir konnten die Uraufführung von Ihr seid bereits eingeschifft mit dem Vorarlberger Landestheater, dem vorarlberg museum und dem KUB in den Sommer 2021 verschieben. Mit dem Theater KOSMOS beteiligen wir uns an einem österreichischen Theaterautoren-Wettbewerb, der bereits auf Madame Butterfly blickt, die 2022 auf der Seebühne Premiere haben wird. Es freut uns, dass die Zusammenarbeit mit einem der wichtigsten Theater im deutschen Sprachraum zum fixen Bestandteil der Bregenzer Festspiele geworden ist. Das Deutsche Theater Berlin kommt mit Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas und Max Simonischek in der Hauptrolle nach Bregenz.

Aufführungsort ist das Theater am Kornmarkt, wo das Opernstudio – wie schon in den letzten Jahren – das Publikum begeistern wird. Diesmal mit einer temporeichen Komödie von Gioachino Rossini.
Es ist besonders schön, dass Brigitte Fassbaender für unser Jubiläumsjahr zugesagt hat. Dank ihrer Affinität zu Gioachino Rossini bleiben wir nach ihrem großen Erfolg von Der Barbier von Sevilla vor zwei Jahren dem Komponisten treu. Die Italienerin in Algier eignet sich durch ein Feuerwerk an Witz, Leidenschaft und musikalischer Brillanz ideal für das Opernstudio. Für die begabten jungen Sängerinnen und Sänger ist es ein wichtiger Schritt, mit der Kammersängerin, Regisseurin und Pädagogin Fassbaender sechs Probenwochen verbringen zu dürfen und ihre Meisterklasse zu besuchen.

Nicht nur der professionelle Nachwuchs, sondern auch ein qualitätsvolles Programm für Kinder und Jugendliche liegt Ihnen sehr am Herzen. Was ist diesbezüglich für 2021 geplant?
Nach dem Erfolg von Carmen für Kinder wollen wir wieder mit jungen Menschen im großen Saal des Festspielhauses Musiktheater feiern. Die Zeitreisemaschine, in Koproduktion mit dem Landestheater Detmold, dreht sich ebenfalls um Rossini. Wir stellen diese Familienoper mit dem Kinderchor von Superar, einem Verein, der in Vorarlberg auf einzigartige Weise Kindern Zugang zu Musik vermittelt, im Juni auf die Beine. Sie ist also insgeheim die Eröffnung der Festspiele. Beethoven goes Africa ist ein weiteres, faszinierendes Projekt mit jungen Menschen, die mit dem Vorarlberger Musiker Klaus Christa zwei unterschiedliche kulturelle Traditionen zu etwas Neuem verbinden.

Gibt es für die zuversichtliche Intendantin voller Tatendrang einen ganz privaten Moment der Vorfreude?
Im Jubiläumsjahr ist ein Künstler dabei, der meine Zeit bei den Bregenzer Festspielen von Anfang an begleitet hat: Nikolaus Habjan. Er wird wieder die Eröffnung moderieren und mit der Musicbanda Franui Alles nicht wahr präsentieren. Es freut mich, dass sie ihr neuestes Werk zu den 75. Festspielen aufführen.

(il)

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Elisabeth Sobotka