»Tancredi war immer meine Traumrolle«

Fünf Fragen an Mezzosopranistin Anna Goryachova (Tancredi)

Anna Goryachova bereitet sich in diesen Tagen intensiv auf ihre Titelrolle in Tancredi, der Oper im Festspielhaus, vor. Geboren wurde die Mezzosopranistin in St. Petersburg, damals Leningrad. Mittlerweile ist sie mit dem italienischen Bariton Simone Alberghini verheiratet und lebt mit ihm in Pesaro – ausgerechnet in jener Stadt an der Adriaküste, in der Gioachino Rossini, der Komponist von Tancredi, im Jahr 1792 zur Welt kam. »Das Leben hat mich dorthin geführt«, sagt sie mit einem Lächeln.

Sie gaben ihr Debüt bei den Bregenzer Festspielen vor fünf Jahren, als Sie in der Hausoper Don Quichotte sangen. Wie kam es zu Ihrer Rückkehr nach Bregenz?

Als ich das Angebot für Tancredi bekam, habe ich mir sofort gedacht: Yes! Das war immer meine Traumrolle. Entsprechend musste ich nicht lange nachdenken. Ursprünglich habe ich Sopran gesungen und dabei die ganze Zeit gekämpft. Nach meinem Wechsel zum Mezzosopran war Tancredi eine der ersten Partien, die ich gelernt habe.

Neben Mozart und Händel ist Rossini Ihr Lieblingskomponist. Was zeichnet seine Musik generell und speziell bei Tancredi aus?

Auf der einen Seite ist sie fröhlich und verspielt. Auf der anderen Seite hat sie bei seinen ernsten Werken wie Tancredi eine extreme Tiefe, sehr berührende Harmonien – einfach unglaublich! Leider wird diese Oper viel zu selten gespielt. Diese kosmische Musik bringt mich in eine bessere, in eine perfekte Welt. Rossini ist einfach ein Genie!

Vor zwei Jahren standen Sie bei einem Konzert in Beaune zum ersten Mal als Tancredi auf der Bühne. Was für ein Charakter ist Tancredi?

Er ist ein Krieger, ein Außenseiter, der sich verstecken muss. Ein typischer Held in einer Opera seria, der verrückt vor Liebe zu einer Frau ist. Das ist in diesem Fall Amenaide. Rossini schrieb zwei unterschiedliche Finale, ein tragisches und ein glückliches. Beim Festival in Beaune war es die Version mit einem Happy End.

Anders als in Beaune ist in Bregenz Tancredi eine lesbische Frau, die sich als Mann verkleidet, um zu ihrer Geliebten zu gelangen. Wie gefällt Ihnen diese Interpretation des Stoffs und inwiefern müssen Sie Ihre Herangehensweise ändern?

Dieser moderne Ansatz mit zwei Frauen ist sinnvoll, finde ich. Ich habe schon sehr oft Hosenrollen gespielt, also als Frau auf der Bühne Männer verkörpert. Das sind meine Lieblingsrollen. Regisseur Jan Philipp Gloger hat mir gesagt: Du trittst auf der Bühne maskulin auf, aber bleib im Duett mit Amenaide eine Frau! Ich muss meine Körpersprache neu aufbauen, etwas weicher in den Bewegungen und Berührungen sein. Es geht um die richtige Balance zwischen der maskulinen und femininen Seite. Es ist gar nicht so einfach, sich umzustellen, aber eine schöne Herausforderung.

Bei Tancredi wird es jede Menge Kampfszenen geben, auch für Sie.

Stimmt, die Proben dazu machen richtig Spaß! Den Stunt-Choreografen Ran Arthur Braun kenne ich schon aus früheren gemeinsamen Produktionen. Ich habe ihm vorab geschrieben: Bitte lass mich bei den Kampfszenen mitmachen! Das ganze Stunt-Team ist großartig. Gleichzeitig ist völlig klar, dass die Musik immer im Vordergrund bleibt und es viele ruhige, innige Momente gibt. Die Dirigentin Yi-Chen Lin ist unglaublich und macht ihren Job perfekt.

Die Oper im Festspielhaus Tancredi mit Anna Goryachova in der Hauptrolle feiert am 18. Juli Premiere.

Am Montag, den 1. Juli, um 20.00 Uhr gibt es die Möglichkeit, bei einem Werkstattgespräch mit dem künstlerischen Team rund um Tancredi-Regisseur Jan Philipp Gloger einen vertieften Einblick in Rossinis Oper zu erhalten.

(tb)

28.06.2024

Anna Goryachova (Tancredi)

© Bregenzer Festspiele / Eva Cerv