"Tancredi": Family Business statt Rittertum

Bregenz, 14.6.2024. Obwohl das Frühwerk eines erst 20-Jährigen, wartet die Oper im Festspielhaus Tancredi von Gioachino Rossini mit einem Feuerwerk schwungvoller und eingängiger Melodien auf. Am Montag war Probenbeginn. Unmittelbar davor präsentierte Regisseur Jan Philipp Gloger sein Konzept und erklärte, wie er den nicht unumstrittenen Originalstoff für die Gegenwart relevant macht.

Das erste Zusammentreffen aller Künstler:innen und zahlreicher Mitwirkender hinter den Kulissen der Hausoper ist quasi der offizielle Startschuss jeder neuen Festspielsaison. Als kleines Begrüßungsgeschenk gibt es eine schmucke und personifizierte Trinkflasche. Die Arbeit an einer Oper kann schweißtreibend sein, wissen Erfahrene. Wie Yi-Chen Lin, die dem Publikum der Bregenzer Festspiele als Dirigentin von Puccinis Madame Butterfly in Erinnerung ist. Sie übernimmt die musikalische Leitung für Tancredi und lauscht wie die anderen gespannt Jan Philipp Gloger, der erstmals in Bregenz inszeniert. Der Schauspieldirektor am Staatstheater Nürnberg übernimmt ab Herbst 2025 die Intendanz des Volkstheaters Wien. 

Glogers Konzept habe sie als »modern, interessant und berührend« überzeugt, sagt Festspielintendantin Elisabeth Sobotka und gesteht dem Team enthusiastisch: »Ich liebe Tancredi!« – was bei dem ursprünglichen Libretto nicht leichtfalle. Doch die Liebe zu ihrer letzten Oper im Festspielhaus ist dem musikalischen Einfallsreichtum Rossinis geschuldet.

Wie fast immer, steht auch bei dieser Oper eine Liebesgeschichte im Mittelpunkt. Die Protagonist:innen sind allerdings nicht genau so, wie es Rossini und sein Librettist nach einer Tragödie von Voltaire ersannen. Tancredi ist im Original als Hosenrolle besetzt, also mit einer Frau, die in Männerkleidern einen Mann spielt. Bei Jan Philipp Gloger ist sie hingegen eine Frau, die sich als Mann verkleidet, um Zugang zu ihrer Geliebten Amenaide zu erhalten. Doch das wirklich Außergewöhnliche sieht er in der Rahmenhandlung: Mit dem Switch von einem fragwürdigen »Rittermärchen« über die Kreuzzüge im 11. Jahrhundert in die südamerikanische Gegenwart der Drogenmafia verschafft er dem Stück die notwendige »Relevanz für heute«. Er outet sich als großer Fan der Coen-Brüder und Quentin Tarantinos. Das macht erst recht neugierig und allmählich versteht die Hundertschaft im Saal Bodensee, warum sich zuvor in der Vorstellungsrunde so viele mit »Stunt« vorstellten. »Tancredi kann brutal und gleichzeitig komödiantisch sein«, erklärt der Regisseur, »wir können und wollen hier Tarantino nicht imitieren, aber wir können zeigen, wie zwei Drogenbosse zusammenarbeiten müssen, obwohl sie sich hassen.« Der gemeinsame Feind ist die Polizei, die Verheiratung der Tochter Amenaide mit einem anderen Drogenboss soll den Machtkampf beenden und beide Familienclans stärken. 

Das Regieteam beschwört noch einmal die Dramatik des Stücks, bevor im gleichen Raum die ersten Musikproben beginnen. Die Titelpartie wird Anna Goryachova singen. Jan Philipp Gloger schildert ihr bei diesem Welcome-Termin, wie sie auf der Bühne sterben wird. »Cool!«, befindet die Mezzosopranistin und erntet einen Lacher ihrer Kolleg:innen. Dieses und andere Details werden vorerst nicht verraten.

(ami)

14.06.2024

Konzeptpräsentation "Tancredi"

© Bregenzer Festspiele / Dietmar Mathis
14.06.2024

Konzeptpräsentation "Tancredi", Jan Philipp Gloger (Inszenierung)

© Bregenzer Festspiele / Dietmar Mathis
14.06.2024

Konzeptpräsentation "Tancredi"

© Bregenzer Festspiele / Dietmar Mathis
14.06.2024

Konzeptpräsentation "Tancredi"

© Bregenzer Festspiele / Dietmar Mathis