Im Winterschlaf die Augen zu

Bregenz, 29.11.19. Eine Mütze für den mächtigen Kopf? Und monströse Handschuhe? Die technischen Profis der Bregenzer Festspiele haben bessere Ideen, um die Seebühne gut durch den Winter zu bringen.

Der November spannt ein graues Wolkenband über die Rigoletto-Szenerie auf der Seebühne: Der riesige Clownskopf ragt in den Himmel. Seine Augen sind geschlossen. Gerüste für Scheinwerfer und Tontechnik stehen wie Skelette im Wasser. Die zu zaghaften Fäusten geballten Riesenhände des Kopfs scheinen etwas festhalten zu wollen, was seit Mitte August längst vorbei ist: nämlich einer der erfolgreichsten Bregenzer Festspielsommer überhaupt.

Dass selbst in dieser vermeintlichen Winterstarre eine Menge Arbeit steckt, weiß niemand besser als der technische Leiter Wolfgang Urstadt. „Doch, doch – man kann schon von Einmotten sprechen“, sagt er. Das beginnt exakt einen Tag nach der finalen Aufführung auf der Seebühne. Und mit ein bisschen Steckerziehen und Kabelaufwickeln ist es nicht getan: „Im Prinzip ist ab Tag eins nach den Festspielen bis etwa Mitte Oktober hinein ein Team von 15 bis 20 Leuten damit beschäftigt, alles für den Winter vorzubereiten.“

Schönwettertechnik reicht für Bregenz nicht
Ganz am Anfang geht es darum, die zum Teil hochsensiblen Komponenten der Licht- und Tontechnik abzubauen und in das Winterlager unter der Werkstattbühne zu bringen. „Es gibt aber auch spezielle Scheinwerfer – bis zu 25.000 Euro teuer – die sind nur geliehen“, sagt Urstadt. Die gehen zum Verleiher zurück, um dann im nächsten Jahr zu Beginn der Saison wieder zurückzukehren. „Das ist wirtschaftlicher.“ Zumal die Veranstaltungstechnik rund um die Festspiele auch einem stetigen Modernisierungswandel unterworfen ist.

Dennoch: „90 oder sogar 95 Prozent aller Anlagen bleiben den Winter über hier draußen“, erklärt der Technikchef. Damit das überhaupt möglich ist – unabhängig von tiefen Temperaturen, Schnee und Eis – braucht es bereits bei der frühen Planung und im Rahmen von Ausschreibungen ein tiefes Verständnis für die komplexen Zusammenhänge des außergewöhnlichen Bühnen-Wunderwerks. Denn am Ende eignen sich nur jene Komponenten der Hydraulik, Mechanik oder Elektrik, die auch dann haltbar sind, wenn ein eisiger Wind minus zehn Grad kalte Luft um die Ohren des Riesenkopfs bläst. Schönwettertechnik genügt für die Bedingungen in Bregenz jedenfalls nicht, wo es von knapp 40 Grad bis minus 20 Grad gewaltige Temperatur- und Wetterdifferenzen geben kann. Urstadt: „Unsere Aufgabe ist es, genau an solche Details zu denken, noch bevor das erste Teil in die Fertigung geht.“

Der Ballon fehlt – und braucht eine neue Fluggenehmigung
„Was wir natürlich abbauen mussten, ist der Ballon“, erläutert Urstadt. Die überdimensionierte Clownfigur hält ihn in der linken Hand. Während der Inszenierung ist er Dreh- und Angelpunkt dramatischer Ereignisse in luftigen, ganz unterschiedlichen Höhen. „Was viele nicht wissen: Für den Ballon brauchen wir eine Fluggenehmigung von der Europäischen Luftsicherheitsbehörde“, sagt Urstadt und grinst. Austro Control hat sogar eine eigene Flugnummer erteilt. „Das Genehmigungsverfahren war schon eine Herausforderung“, erinnert sich der technische Leiter. Und damit die Rigoletto-Inszenierung im kommenden Sommer nicht ohne Fluggerät dasteht, geht der Ballon den Winter über zurück nach Bristol zum Hersteller. „Der prüft ihn ganz genau und bessert ihn bei Bedarf aus.“ Das Unternehmen ist berechtigt, so eine Art TÜV-Untersuchung vorzunehmen. Wenn alles in Ordnung ist, schickt es ein entsprechendes Gutachten an die EASA – und die Luftsicherungsbehörde erteilt die Fluggenehmigung für die neue Festspielsaison.

„Ich bin jetzt seit fünf Sommern bei den Festspielen und meine persönliche Lernkurve steigt jedes Jahr wieder steil an“, sagt Wolfgang Urstadt. Nicht nur wegen der Flugbehörde. Die Fachleute entwickeln ein Gespür, was der Seebühne in den frostigen Zeiten guttut. In Abständen von ein und zwei Wochen inspizieren Techniker regelmäßig die Anlagen auf dem Wasser. Und sie können flexibel auf unvorhergesehene Dinge reagieren. Wie damals bei den gigantischen Händen der Carmen-Inszenierung. „Damals hat sich gezeigt, dass die Mehrschichtoberfläche Risse bekommen hat“, erinnert sich Urstadt. Angegriffene Stellen kurzerhand zu spachteln, damit kein Wasser eindringt und ein wirklicher Schaden entsteht, kann auch am großen Kopf notwendig werden. „Wir sind jedenfalls vorbereitet.“ Auch die komplizierte Hydraulik oder bestimmte Mechaniken von Zeit zu Zeit in Bewegung zu setzen, kann sinnvoll sein, um die reibungslose Funktion bis in die neue Saison hinein zu bewahren.

Ab Mai kommt auch die Technik in den zweiten Frühling
Für den technischen Leiter gibt es keine Zweifel daran, dass auch der kommende Winter seine Spuren hinterlassen wird – aber keine, die er und sein Team nicht bewältigen könnten. Im Mai – spätestens im Juni – wird dann auch der Ballon wieder in den Bregenzer Himmel ragen, frische Fluggenehmigung inklusive. Und im warmen Frühlingserwachen leeren sich dann die Depots wieder, wenn die Festspielmaschinerie langsam zur Saison 2020 hochfährt und auch der riesige Kopf im Zentrum der Seebühne endlich wieder die Augen öffnet.

(Erich Nyffenegger)

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