„Hätte man auf die Frauen gehört …“

Fünf Fragen an Schauspielerin Brigitte Urhausen

Bregenz, 16.7.21. Brigitte Urhausen kennt das TV-Publikum seit zwei Jahren als Tatort-Kommissarin in Saarbrücken. Mit der Koproduktion Michael Kohlhaas kommt die Luxemburgerin erstmals nach Bregenz.

Regisseur Andreas Kriegenburg lässt das Stück bewusst, wie er sagt, von zwei Frauen erzählen. Gegenüber der Novelle rücken Frauen weit mehr in den Vordergrund. War diese weibliche Zurechtrückung mit ausschlaggebend für Sie, bei dieser Produktion mitzumachen?
Es gab mehrere Gründe, warum ich bei diesem Projekt zugesagt habe. Es ist ja auch eine Koproduktion mit den Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, und ich hatte große Lust, einmal mit Andreas Kriegenburg zu arbeiten. Es gab ein erstes Treffen, wo er ganz klar gesagt hat, dass er die weibliche Sicht hervorheben möchte, dass er überhaupt kein Interesse daran hat, dass die Frauen Nebenrollen spielen und untergehen in dieser Männerwelt. Es ist nun mal eine sehr männerlastige Novelle. Es gibt nicht viele Frauen, sie kommen auch nicht groß drin vor, haben aber wichtige Funktionen. Es sind sehr starke Frauen. Wenn man auf die Frauen gehört hätte, wäre das alles anders ausgegangen.

Das Deutsche Theater Berlin hat keine Besetzungsliste veröffentlicht. Steckt da eine bestimmte Absicht dahinter? Sollen die Besucher im Ungewissen bleiben, ob Sie die Lisbeth, die Frau von Kohlhaas spielen oder die Wahrsagerin?
Nein, das hat damit zu tun, dass mit Ausnahme von Max Simonischek als Kohlhaas es vor Probenbeginn definitiv keine Besetzung gab. Es kommen ja so viele Figuren vor … wir haben sie gemeinsam um den Tisch herum gelesen, Andreas Kriegenburg wollte unsere Stimmen hören, das hat sich alles erst entwickelt. Dass ich die Lisbeth spiele, hat sich erst nach ein paar Tagen ergeben. Obwohl sehr an der Kleist’schen Sprache festgehalten wird, ist es keine klassische Dialog-Theateraufführung. Es ist sehr viel Prosa, es ist chorisch … Mit tollen Bildern!

Welche Sicht auf die Person Michael Kohlhaas überwiegt für Sie: Opfer oder Täter?
Es gab zwei Phasen. Als ich die Novelle gelesen habe und auch noch am Anfang der Probezeit, habe ich ihn noch komplett als Opfer gesehen. Dieses tief empfundene Gefühl von Ungerechtigkeit und dass so Rachegefühle entstehen können, das kann ich menschlich total nachvollziehen. Natürlich muss irgendwann der Punkt kommen, wo man sich sagt: Jetzt steht es in keinem Verhältnis mehr, vor allem ab dem Moment, wo er seine ganze Familie für die Sache opfert. Er ist letztendlich beides, Opfer und Täter.

Unzweifelhaft auf der Seite der Guten stehen Sie als Hauptkommissarin Esther Baumann im Saarbrücker „Tatort“.  Wie kam es dazu und wird man durch eine so populäre Rolle dem Theater untreu?
Es hat sich ergeben, wie es sich bei uns Schauspielern sehr oft ergibt: Ich hatte eine Nebenrolle im vorletzten Tatort mit Devid Striesow als Kommissar. Das war mit Regisseur Christian Theede, der dann quasi auch das neue Team zusammengestellt hat. Damit kannten mich alle, ich war bei denen auf dem Schirm und bekam eine Einladung zum Casting – das hat dann geklappt.

Für eine Frau habe ich relativ spät angefangen mit Film und Fernsehen. Natürlich versuche ich, mir einen Namen zu machen. Durch den „Tatort“ spüre ich, dass es ein bisschen mehr wird, man erfährt mehr Aufmerksamkeit. Doch für mich will ich das Theater nicht aufgeben, es ist mir viel zu wichtig … eigentlich bin ich Theatermensch.

Sie standen 2020 für eine Folge der ARD-Serie „WAPO Bodensee“ vor der Kamera, die noch nicht ausgestrahlt ist, kommen jetzt zu den Bregenzer Festspielen. Hatten Sie vorher jemals mit dem Bodensee was zu tun?
Ich muss ehrlich sagen, überhaupt nicht. Für den Dreh für die „WAPO Bodensee“ war ich das erste Mal in meinem Leben am Bodensee und musste feststellen: Warum eigentlich nicht früher? Es ist wirklich wunderschön! Ich habe mir gedacht, da könnte man einmal Urlaub mit den Kindern machen. Auch die Bregenzer Festspiele waren mir ein Begriff, aber war nie dort. Es wird somit eine große Premiere für mich in allen Hinsichten, deshalb freue ich mich auch sehr darauf.

Michael Kohlhaas ist vom 23. bis 25. Juli im Theater am Kornmarkt zu sehen. Tickets und Informationen unter www.bregenzerfestspiele.com sowie Telefon 0043 5574/4076.

(ami)
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Brigitte Urhausen