Erfundener Stoff in realistischem Szenario

Bregenz, 28.7.23. Das Schicksal von Madame Butterfly basiert auf keiner tatsächlichen Begebenheit – es hätte aber durchaus so sein können. Die USA traten in Japan als Kolonialmacht auf.

Mitte des 19. Jahrhunderts hatten in Japan über 200 Jahre lang die Shogune geherrscht, das Land lebte bewusst abgekapselt vom Rest der Welt. Doch westliche Mächte waren weiterhin auf der Suche nach neuen Handelsmärkten. Auf Dauer hatte Japan keine Chance mehr, sich zu wehren – zu veraltet waren inzwischen die heimischen Waffen. So musste es sich auf Handelsverträge einlassen. Einer der wichtigsten wurde 1854 abgeschlossen. San Francisco schickte einen Konsul (wie Sharpless in der Oper) in die Hafenstadt Nagasaki, den Schauplatz von Madame Butterfly. Er sollte Konflikte zwischen Japaner:innen und US-Amerikaner:innen schlichten. Anlässe gab es genug: Chauvinismus war auf beiden Seiten zu spüren.

In den Folgejahren entstand in den Vereinigten Staaten und Europa ein riesiges Interesse an japanischen Produkten. Das zeigte beispielsweise die Wiener Weltausstellung 1873, als ganze Häuser in Japan ab- und in Wien wieder aufgebaut wurden. Das (etwas verkitscht dargestellte) Japan verkaufte sich gut. Das nutzten findige Unternehmer aus – so wie Goro, der Heiratsvermittler in der Oper. Er bietet dem arroganten US-Marineleutnant Pinkerton ein sexuelles Abenteuer mit Madame Butterfly, Haus samt Personal gibt es obendrauf.

Intensive Recherche
Giacomo Puccini hatte Japan nie besucht, als er Madame Butterfly in den Jahren 1901 bis 1904 schrieb. „Doch um das Kolorit einzufangen, beschäftigte er sich ausführlich mit japanischer Musik und traf sogar die Frau des japanischen Botschafters in Rom“, erzählt Florian Amort, Dramaturg der Bregenzer Festspiele. Puccini stellte sich – erfolgreich – einer großen Herausforderung: „Musikalisch treffen zwei Welten aufeinander. In Japan gibt es ein ganz anderes Tonsystem. Die Vielschichtigkeit dieser Musik kann man in unserer europäisch-westlichen Notationsweise gar nicht 1:1 darstellen.“ Das Aufeinandertreffen von Ost und West wird sehr deutlich: Der Komponist arbeitete einzelne Takte der japanischen und der heutigen amerikanischen Nationalhymne in sein Werk ein: Das „Star-Spangled Banner“, das wir kennen, war damals noch die Hymne der US-Marine.

Den thematischen Anstoß hatte Puccini eine Reise nach London gegeben. Dort sah er David Belascos Schauspiel Madame Butterfly. Die Uraufführung der Oper an der Mailänder Scala wurde zum Skandal – warum eigentlich? „Das ist bis heute nicht ganz klar“, sagt Amort, „ein möglicher Grund könnte der Russisch-Japanische Krieg zu dieser Zeit gewesen sein. In der damaligen Presse war immer wieder von antijapanischer Stimmung zu lesen.“ In Puccinis Werk ist von so einer Atmosphäre nichts zu spüren. Im Gegenteil: Seine Sympathie ist klar auf der Seite von Madame Butterfly.

Detaillierte Informationen zum Hintergrund von Madame Butterfly, inklusive eines Interviews mit einer Japanologin, bietet die aktuelle Folge des Podcasts „Hör-Spiele“. Madame Butterfly ist bis zum 20. August auf der Seebühne zu erleben.

(tb)

28.07.2023

Madame Butterfly

© Bregenzer Festspiele / Anja Köhler