„Du arbeitest dich wie ein Bildhauer in einem Marmorblock vor“

Fünf Fragen an Leo McFall

Bregenz, 20.8.21. Neben der letzten Seeaufführung markiert das Ende einer Festspielsaison am selben Tag traditionell auch ein Orchesterkonzert mit dem Symphonieorchester Vorarlberg (SOV). Dort ist Leo McFall der neue Chefdirigent. Am kommenden Sonntag gibt der 40-jährige sein Debüt bei den Bregenzer Festspielen. Er verspricht dem Publikum Dramatik, Dynamik und Herausforderung – in dieser Reihenfolge.

Den Beginn machen Beethovens Egmont-Ouvertüre und Haydns Symphonie Nr. 105 – was bedeuten die beiden doch sehr unterschiedlichen Komponisten für Sie und was lieben Sie an den Werken, die in Bregenz aufgeführt werden?
Es sind zwei der größten Genies, ein Alpha und ein Omega in jedem Leben eines Musikers. Ganz besonders glücklich bin ich über Haydn. Es ist wundervoll, wenn du deine eigenen Musiker featuren kannst! Ich liebe das Format einer Sinfonia concertante, was bedeutet, dass du mehr als nur einen Solisten hast und die Solisten dem Orchester gegenübertreten. Das ergibt eine wundervolle Dynamik. Und die Egmont-Ouvertüre … sie hat eine fantastische Dramatik!

Dritter und letzter Programmpunkt ist die österreichische Erstaufführung einer Symphonie von Thomas Larcher. Wie geht man als Dirigent an ein neues zeitgenössisches Werk heran, worauf schaut man zuerst, wenn man die Partitur das erste Mal in der Hand hält?
Es ist, als wenn man einen großen Marmorblock vor sich hat: Du studierst ihn und studierst ihn, suchst nach einer Skulptur. Man erhält zuerst immer eine Unmenge an Informationen. Absolut neues Material. Also arbeitest du dich wie ein Bildhauer vor, dringst wie ein Bildhauer in den Marmorblock ein und hoffst darin ein Gesicht zu finden, mit dem du in die erste Probe gehen kannst. Dein wichtigster Job als Dirigent ist immer die Vorbereitung auf die erste Probe … du musst gut vorbereitet sein, dann hast du die Chance auf eine großartige Woche mit dem Orchester (lacht).

Im übertragenen Sinne: Welches Gesicht haben Sie in Thomas Larchers 3. Symphonie entdeckt?
Dieser Larcher fordert jeden heraus – sowohl Orchester als auch Publikum. Es ist ein großes Orchesterwerk mit Percussion und Instrumenten, die nicht üblich sind. Wie zum Beispiel einem Zymbal und einem Akkordeon, und dass die Posaunen ein Waterphone spielen. Vieles ist ungewöhnlich, auch die Hörner müssen an manchen Stellen andere Instrumente spielen. Alles zusammen ergibt eine sehr interessante Kombination an Tönen.

Das Orchesterkonzert war ja bereits für das vergangene Jahr geplant. Dann kam Corona. Wie müssen wir uns die Zusammenarbeit mit dem Orchester in dieser außergewöhnlichen Zeit vorstellen? Waren die Online-Möglichkeiten eine Hilfe?
Bis zur Vorwoche konnte ich mich mit dem Orchester in diesem Jahr zweimal in Vorarlberg treffen und proben. Nach so langer Zeit, in der rundum alles geschlossen hatte, war es beide Male wundervoll zu arbeiten, einfach gemeinsam wieder Musik zu machen! Es war eine Erleichterung … eine Katharsis!

Online kann man bestimmte organisatorische Dinge klären, für dieses Konzert war und bin ich immer wieder in Kontakt mit Thomas Larcher, doch mit dem Orchester kann man über die Spannung einer Saite nicht online diskutieren. Das funktioniert nicht.

Was glauben Sie, werden die Besucherinnen und Besucher von diesem Orchesterkonzert mitnehmen?
Bei jedem Künstler hinterlässt die Musik einen persönlichen Eindruck. Wenn ich im Publikum sitze, finde ich es oft lustig, wenn die Leute über ein Konzert sagen: „Oh Gott, war das langweilig!“ – ich selbst finde die Musik aber fantastisch. Oder genau umgekehrt. Jeder nimmt das mit, was er will und kann. So sollte es sein. Es ist ein guter Mix, die Balance ist gegeben. (Überlegt) Ich mag den Charakter dieses Konzerts sehr.

(ami)
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Leo McFall