Auf der Seebühne gibt es kein links und rechts

ODER: Warum Lindau ständiger Gast einer Seebühnen-Oper ist

Bregenz, 6.7.18. Links. Rechts. Eigentlich ganz einfach. Nicht, wenn Künstler aus vieler Herren Länder zusammentreffen, wie bei den Bregenzer Festspielen. Welche Blickrichtung ausschlaggebend ist, ist nämlich in den Herkunftsländern unterschiedlich tradiert.

Was für unsereins links auf der Bühne passiert, ist im angelsächsischen Raum genau umgekehrt. Dort wird bei Seitenangaben der Blickwinkel der Darsteller in Richtung Zuschauerraum herangezogen. „Es gibt bei uns deshalb von vornherein gar kein Links und kein Rechts. Sonst hast du schnell ein Problem, wenn du mit internationalen Teams zusammenarbeitest“, sagt der Technische Leiter der Bregenzer Festspiele Wolfgang Urstadt. Stattdessen wird für die Bregenzer Seebühne die Geographie benutzt. Zur eindeutigen Orientierung ist bei der aktuellen Carmen-Produktion intern stets von der „Hand Lindau“ und der „Hand Bregenz“ die Rede, nicht von der linken und der rechten. Auch bei Turandot trug der (aus Zuschauersicht) der bayerischen Bodenseestadt zugewandte Turm den Namen „Lindau“. Die Seebühne generell ist in die lindauseitige und die bregenzseitige Hälfte unterteilt.

Verwechslungen ausschließen
Allen Beteiligten muss zu jedem Zeitpunkt klar sein, wovon gesprochen wird. Dabei geht es nicht nur um die Verortung auf einer Bühne, sondern auch um die Eindeutigkeit von Anweisungen, führt Wolfgang Urstadt weiter aus: Ein Darsteller oder ein Mitglied der Technik-Crew aus einem nicht deutschsprachigen Land missinterpretiert das deutsche „ab“ leicht als englisches „up“ – und umgekehrt. „Durch die enge Zusammenarbeit findet das Produktionsteam deshalb schon sehr früh zu einem eigenen Sprachgebrauch“, sagt Wolfgang Urstadt. Im Fall der Carmen, für die die Engländerin Es Devlin das Bühnenbild schuf, sind die Begriffe naheliegend durchwegs englisch. Der vorderste Bereich der Seebühne heißt „Mesh“ – abgeleitet von der englischen Bezeichnung für Maschen, weil hier die im Wasser versenkbaren Spielkarten aus einem Stahlgitter bestehen. Der mittlere Teil der Carmen-Bühne heißt „Beach und wer sich weiter hinten bewegt, agiert in den „Flying Cards“.

„Zudem haben alle 62 Karten Nummern, damit man immer weiß, über welche man spricht“, verrät Wolfgang Urstadt ein weiteres Detail. „12B“ bezeichnet beispielsweise eine bestimmte Karte im Bereich „B“ wie „Beach“. Ob Darsteller, Chormitglieder oder Statisten, für jede Gruppe, die sich über die Bühne bewegt, ist außerdem eine Person benannt, die die anderen im Zweifelsfall an die richtige Stelle leitet.

Usus an den meisten Häusern
Unmissverständliche Bezeichnungen im Bühnenbetrieb haben auch einen sicherheitstechnischen Hintergrund. Um dabei erst gar nicht in eine Links-Rechts-Diskussion zu geraten, behelfen sich die meisten Häuser mit einer geographischen Zuordnung. Wolfgang Urstadt nennt als Beispiel Mannheim, „wo es die Neckar-Seite und die Rhein-Seite gibt“.

(ami)

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Wolfgang Urstadt